Wenn man die Debatte um den Bebauungsplan 28 in Westerland verfolgt, könnte man meinen, auf Sylt sei das Perpetuum mobile der politischen Empörung erfunden worden. Auf der einen Seite die Verwaltung, die mit Planquadraten jongliert, auf der anderen Seite die Wirtschaftsverbände, die den nahenden Untergang des Abendlandes beschwören.
Doch wenn wir den Nebel aus Lobbyismus und Bürokratie beiseitepusten, müssen wir ein paar unbequeme Wahrheiten aussprechen. Für ein zukunftsfähiges Sylt brauchen wir Realismus, keine Symbolpolitik – aber eben auch Klartext.
Der Elefant im Raum: Das kollektive Augenzwinkern
Kommen wir zur Sache, die in den Stellungnahmen gerne mit vornehmen Worten wie „faktische Nutzung“ umschrieben wird. Wenn in einem Gebiet laut Verwaltung fünf Ferienwohnungen genehmigt sind, dort aber 52 existieren, dann ist das kein „Datenerfassungsfehler“. Nennen wir das Kind beim Namen: Das ist schlichtweg illegal.
Über Jahrzehnte hinweg wurde auf Sylt aus normalem Wohnraum lukrativer Ferienraum gemacht. Die Behörden haben dabei mit einem bemerkenswerten, kollektiven Augenzwinkern weggeschaut, und viele Eigentümer haben dieses Nicht-Handeln als stille Baugenehmigung interpretiert. Jetzt, wo der Kreis Nordfriesland genauer hinschaut, ist das Geschrei groß. Aber zur Wahrheit gehört: Ein Gewohnheitsrecht auf baurechtliche Illegalität gibt es nicht. Wer aus Gier nach Rendite Dauerwohnraum zweckentfremdet hat, darf jetzt nicht das Opfer spielen. Eine pauschale „Legalisierung“, wie sie die Wirtschaftsverbände fordern, wäre ein Schlag ins Gesicht für jeden ehrlichen Sylter Hausbesitzer, der seine Einliegerwohnung all die Jahre brav und bezahlbar an die Krankenschwester oder den Handwerker vermietet hat.
Die Lebensader: Warum wir den Tourismus umarmen müssen
Aber – und das ist ein massives Aber – wir dürfen das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. Sylt ist kein Naturschutzgebiet mit angeschlossenem Heimatmuseum. Der Tourismus ist unsere absolute Lebensader. Ohne unsere Gäste, ohne die Hotellerie, die Gastronomie und ja, auch ohne die Ferienwohnungen, wäre Sylt eine ziemlich windige, sehr leere Sandbank.
Wir brauchen die wirtschaftliche Wertschöpfung. Wir wollen gute Gastgeber sein. Eine Gemeinde, die privaten Bauherren eine völlig unrealistische 50-Prozent-Dauerwohnquote aufs Auge drückt, bei der jeder Taschenrechner aufgibt, betreibt genau die Symbolpolitik, die zu Recht kritisiert wird. Mit Bau- und Handwerkerkosten jenseits von Gut und Böse lässt sich privater sozialer Wohnungsbau nicht per Verwaltungsakt erzwingen.
Der Blick über den Tellerrand: Wie andere das machen
Sylt ist mit diesem Overtourism-Schlamassel nicht allein. Ein Blick ins europäische Ausland zeigt, dass andere Traumziele längst vom Reden ins Handeln gekommen sind:
- St. Ives (Cornwall, England): Das malerische Küstenstädtchen drohte zur reinen Geisterstadt aus Zweitwohnsitzen zu verkommen. 2016 zogen die Bürger die Reißleine: Bei einem Referendum wurde beschlossen, dass Neubauten ausschließlich an Personen verkauft werden dürfen, die dort ihren Hauptwohnsitz anmelden. Radikal? Ja. Aber das dörfliche Leben kehrt zurück.
- Mallorca (Spanien): Die Baleareninsel hat einen strikten „Zonierungsplan“ eingeführt. In Gebieten, die als gesättigt gelten (z. B. weite Teile von Palma), dürfen überhaupt keine neuen Ferienlizenzen mehr vergeben werden. Wer illegal vermietet, dem drohen ruinöse Strafen von bis zu 400.000 Euro. Die Daumenschrauben für illegale Vermietung wurden extrem angezogen, um den normalen Wohnungsmarkt zu entlasten.
- Venedig (Italien): Die Lagunenstadt hat erkannt, dass eine Stadt ohne echte Einwohner nur noch ein Freizeitpark ist. Neben Bettenobergrenzen und strengsten Regulierungen für Kurzzeitvermietungen im historischen Zentrum wurde sogar ein Eintrittsgeld für Tagesgäste eingeführt, um die Massen zu lenken und Einnahmen für den Erhalt der Infrastruktur zu generieren.
Der Sylt-Pakt
Wir brauchen keinen B-Plan 28, der Fronten verhärtet, sondern einen echten Konsens – auch wenn das bedeutet, dass alle Seiten Federn lassen müssen. Wie könnte so ein Weg aussehen? Hier sind einige Denkansätze, über die wir auf der Insel dringend diskutieren müssen:
Überlegung 1 – Der harte Schnitt & eine absolute Deckelung: Man könnte ernsthaft darüber nachdenken, ab sofort kein einziges neues Gästebett mehr zuzulassen. Die Insel ist voll, die Belastungsgrenze der Infrastruktur ist erreicht. Ein solcher Deckel würde zumindest verhindern, dass das Problem weiter wächst.
Überlegung 2 – Quoten statt Amnestie im Umgang mit der Illegalität: Machen wir uns nichts vor: Illegal ist und bleibt illegal. Eine kostenlose Legalisierung von Schwarzbauten wäre das völlig falsche Signal. Wenn wir jedoch von heute auf morgen radikal durchgreifen, legen wir die ohnehin schon ächzende Sylter Verwaltung durch eine Klagewelle auf Jahre lahm. Es muss ein Konsens gefunden werden, der – so ehrlich müssen wir sein – in jedem Fall juristisches Kopfzerbrechen bereiten wird. Denkbare Auswege aus diesem Dilemma wären:
Ein Auslaufen auf Raten: Man verbietet die illegale Vermietung konsequent, gewährt den Betreibern aber eine Übergangsfrist von 5 bis 10 Jahren. Das würde einen sofortigen wirtschaftlichen Schock abfedern und Planungssicherheit für alle Seiten schaffen.
Eine strenge Umwidmungsquote: Alternativ könnte man festlegen, dass nur ein strikt begrenzter Teil (z. B. 20 bis 30 Prozent) der bisher ungenehmigten Ferienwohnungen unter harten Auflagen legalisiert wird. Dass die bürokratische Umsetzung und Kontrolle einer solchen Quote für die Gemeindeverwaltung ein kaum stemmbarer Kraftakt wäre, gehört allerdings zur bitteren Wahrheit dazu.
Überlegung 3 – Die Wirtschaft als aktiver Teil der Lösung: Eine weitere Möglichkeit wäre es, Unternehmer, die händeringend Personal suchen, kreativer in die Pflicht zu nehmen. Anstatt nur nach der Politik zu rufen, könnten sich Betriebe (zum Beispiel in Form einer Genossenschaft) zusammenschließen und selbst Werkswohnungen für ihre Mitarbeiter bauen. Die Gemeinde könnte diesen Prozess massiv unterstützen, indem sie dafür Grundstücke im Rahmen eines sehr günstigen Erbbaurechts zur Verfügung stellt.
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Sylt muss aufhören, sich selbst in die Tasche zu lügen. Wir müssen den Tourismus lieben und schützen – indem wir ihn endlich vernünftig begrenzen und die Einheimischen nicht länger vertreiben.
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