SYLT / ITZEHOE – Die Deutsche Bahn hat ein Herz für Nostalgiker und Technik-Enthusiasten bewiesen: Ganz ohne das übliche PR-Gewitter rollte am 19. April erstmals der ICE L (das „L“ steht für Low Floor, also niedriger Einstieg – oder wahlweise für Langsames Vergnügen) in den Westerländer Bahnhof ein.
Dank der spanischen Talgo-Waggons und einer vorgespannten Siemens Vectron Dual Mode (Baureihe 248) schafft es der Konzern nun, das „Abenteuer Nicht-Elektrifizierung“ stilvoll zu meistern. Während der Zug theoretisch mit bis zu 160 km/h über die Gleise gleiten könnte, sorgt die Realität auf der Marschbahn dafür, dass die Fahrgäste jedes Detail der nordfriesischen Landschaft in aller Ruhe aufsaugen können.
Die neue Freiheit des Diesel-Strom-Zwitters
Für die DB ist der Einsatz der Zweikraft-Lok ein technischer Meilenstein. Endlich kann man wieder ICE-Komfort auf Strecken ohne Oberleitung anbieten – ein Zustand, der in Deutschland gefühlt so selten ist wie ein pünktlicher Anschlusszug.
- Der Clou: Bis Itzehoe wird der Strom ganz klassisch aus dem Fahrdraht gezapft. Danach schaltet die Lok auf den Dieselgenerator um und produziert ihren eigenen Strom.
- Das Nadelöhr: In Itzehoe ist derzeit im Fahrplan noch ein Lokwechsel vorgesehen. Später soll der Zug zwar von Frankfurt am Main aus durchrollen, doch da die Vectron Dual Mode im Elektro-Modus auf der Schnellfahrstrecke Hannover–Frankfurt nicht die nötige Power bringt, wird dort wohl wieder umgespannt. Ein logistisches Ballett, das man sich leisten muss.
Wenn der ICE auf die „Ruckelbahn“ trifft
Doch während die Technik glänzt, mahnt die Realität am Boden. Während der Artikel stolz die 160 km/h erwähnt, wissen Pendler und Sylt-Kenner: Auf der Marschbahn sind solche Geschwindigkeiten oft eher eine theoretische Zielgröße als gelebter Alltag.
In Westerland trafen sich am Dienstag rund 60 handverlesene Optimisten – darunter Ministerpräsident Daniel Günther und DB-Chefin Evelyn Palla – um über das „Nadelöhr Hindenburgdamm“ zu sprechen. Das Thema des nicht-öffentlichen Gipfels: Pünktlichkeit. Ein Wort, das auf der Strecke nach Sylt oft so fremd wirkt wie eine Bergziege im Wattenmeer.
Pendler-Frust statt ICE-Lust
Achim Bonnichsen von der Pendlerinitiative brachte die Stimmung auf den Punkt: Die Insel müsse sich mittlerweile nach dem Fahrplan richten, nicht umgekehrt.
- Das Problem: Marode Infrastruktur, eingleisige Abschnitte und eine Informationspolitik, die oft so vage bleibt wie eine Wettervorhersage für das Jahr 2030.
- Die Folge: Zehn- bis zwölfstündige Arbeitstage enden in überfüllten Zügen oder bei deprimierenden Wartezeiten am Bahnsteig. Manche Pendler mache diese „eingeschränkte Freiheit“ schlichtweg krank.
Fazit: Schneller ist man nur im Kopf
Der ICE L ist zweifellos ein Gewinn für das Image der Strecke und bietet den Komfort, den man auf einer fast achtstündigen Reise von Frankfurt aus auch dringend benötigt. Doch solange die Marschbahn ein sanierungsbedürftiges Nadelöhr bleibt, hilft auch die modernste Lok aus dem Hause Siemens nicht gegen die bittere Erkenntnis: Auf dem Weg nach Sylt ist der Weg zwar das Ziel – aber er dauert oft deutlich länger als geplant.
Quellen: shz.de / dpa
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