John Kasrei betreibt das Element in Seebüll, einen kleinen Kulturort am Rande der Welt. Eine anonyme Reservierung, eine überraschende Enthüllung, eine richtige Entscheidung — und jetzt das Netz. Ein Fall, der mehr über die Täter als über das Opfer sagt.
Es gibt Orte, die etwas wollen. Das Element in Seebüll ist so ein Ort. Weit draußen in Nordfriesland, neben dem Nolde Museum, zwischen Marsch und Himmel — hier hat John Kasrei etwas aufgebaut, das in dieser Gegend nicht selbstverständlich ist: einen Ort für Kultur, für gutes Essen, für Begegnungen. Ein kleines Gegengewicht zur Stille der Landschaft.
Vor einigen Wochen kam eine Reservierungsanfrage. Nichts Ungewöhnliches. Ein Abend, eine Gruppe, ein Anlass — alles, was ein Gastronomiebetrieb braucht, um seinen Laden am Laufen zu halten. John Kasrei nahm die Buchung an. Die Art der Veranstaltung war ihm nicht bekannt, und das ist auch nicht seine Aufgabe. Gastwirte sind keine Geheimdienste. Wer einen Raum mietet, muss ihn bezahlen, nicht beichten.
Dann stellte sich heraus, wer hinter der Buchung steckte: Kayvan Soufi-Siavash, bekannt als Ken Jebsen. Ehemaliger Radiomoderator, heute einer der bekanntesten Vertreter der deutschen Verschwörungsideologie-Szene. Sein früheres Portal KenFM galt beim Berliner Verfassungsschutz als Verdachtsfall. Sein Weltbild: ein dichtes Geflecht aus Misstrauen, Umdeutung und Nähe zu antidemokratischen Strömungen.
Selbst wir kannten Jebsen nicht. Nicht weil wir politisch ungebildet sind, sondern weil er in einem Bereich agiert, mit dem wir auf Sylt oder in Nordfriesland kaum Berührungspunkte haben. Gehört ja, einer der üblichen Schwurbler, die im Laufe der Jahre zur Randerscheinung mutieren.
»Wer einen Raum mietet, muss ihn bezahlen, nicht beichten. John Kasrei ist Gastwirt — und kein Verfassungsschutz.«
Was tat John Kasrei, als er es wusste? Er sagte ab. Gemeinsam mit der Nolde Stiftung. Klare Entscheidung, klares Signal. Kein Zögern, keine Ausreden, kein „aber die Meinungsfreiheit“. Wer an diesem Punkt noch zweifelt, ob Kasrei auf der richtigen Seite steht — der hat den Artikel schon verloren.
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Nun beginnt das eigentlich Beunruhigende. Nicht Ken Jebsen. Den kennen wir. Beunruhigend ist, was danach passiert: Das Internet nimmt sich John Kasrei vor. Die selbsternannten Wächter der Moral, die Empörungsprofis, die mit jedem Shitstorm größer werden, weil sie endlich eine Bühne haben — sie werfen dem Mann Dinge vor, die sachlich schlicht nicht stimmen. Und weil der Lärm ihnen recht zu geben scheint, eskalieren sie. Stellungnahme folgt auf Stellungnahme. Möglicherweise ein Boykottaufruf. Vielleicht mehr.
An dieser Stelle ist es nötig, kurz innezuhalten und daran zu erinnern, wer John Kasrei ist. Er ist gebürtiger Iraner. Seine Familie hat den Iran verlassen — nicht aus Fernweh, sondern aus Notwendigkeit. Er weiß, wie es sich anfühlt, in einem Land zu leben, in dem ein Regime den Menschen nachstellt. Er weiß, was es bedeutet, wenn Denken bestraft wird, wenn Anderssein gefährlich ist, wenn der Staat die Intimität des Gewissens verletzt. Dieses Wissen trägt man nicht ab wie eine Jacke. Es formt einen.
»Er weiß, wie sich ein Regime anfühlt, das Menschen nachstellt. Dieses Wissen trägt man nicht ab wie eine Jacke. Es formt einen.«
Und dieser Mensch — der aus genau diesem Grund eine klare, humanistische Haltung gegen Extremismus, gegen Verschwörungsideologie, gegen jede Form von Menschenverachtung hat — wird nun an den Pranger gestellt. Für eine Buchung, die er nicht kannte. Und die er absagte, als er sie kannte. Wenn das das Kriterium für Schuld ist, dann gute Nacht, Deutschland.
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Der Ort macht die Sache noch komplizierter — und ehrlicher. Denn Seebüll ist kein neutraler Grund. Das Nolde Museum trägt den Namen eines Mannes, dessen Kunst von den Nationalsozialisten als „entartet“ verfemt wurde — und der selbst überzeugter Nationalsozialist und Antisemit war. Emil Nolde: Opfer und Täter zugleich. Verfolgter und Verfolger. Ein Künstler, dessen Bilder atemberaubend sind, und dessen Weltanschauung ein moralisches Desaster war.
Die Nolde Stiftung hat sich dieser Ambivalenz in den letzten Jahren mit bemerkenswerter Offenheit gestellt. Sie versteckt die Geschichte nicht. Das verdient Respekt. Und es macht den Ort zu einem, der mit Widersprüchen umgehen kann — der zeigt, dass Kultur nicht einfach ist, dass Geschichte nicht aufräumbar ist, dass man trotzdem Haltung haben kann.
In diesem Kontext hat John Kasrei sein Element aufgebaut. Einen Treffpunkt. Einen Ort der Begegnung in einer Landschaft, die solche Orte selten hat. Wer das jetzt kaputtmachen will, weil eine Buchung schiefgelaufen ist, die er richtig korrigiert hat — der trifft nicht Ken Jebsen. Der trifft die Kultur. Den Mut. Den Menschen, der trotz allem hier geblieben ist und etwas aufgebaut hat.
»Wer jetzt zum Boykott aufruft, trifft nicht Ken Jebsen. Der ist längst woanders. Er trifft John Kasrei. Den Falschen.«
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Das Internet kennt keine Gnade. Das stimmt. Aber es kennt auch keine Erinnerung. In zwei Wochen ist das nächste Empörungsthema da, die Mob-Energie wandert weiter, und zurück bleibt ein Mensch, dessen Ruf beschädigt wurde, dessen Laden leidet, und der nichts — wirklich nichts — falsch gemacht hat.
Es gibt einen Begriff dafür, wenn man jemanden für etwas bestraft, das er nicht getan hat, nur weil er gerade in der Nähe war: Unrecht. Schlicht und einfach. Und es gibt ein Wort für Menschen, die trotzdem standhaft bleiben, klar benennen, was sie ablehnen, und ihren Ort als das verteidigen, was er sein soll: Haltung.
John Kasrei hat Haltung bewiesen. Das Element in Seebüll steht für etwas. Wer in Nordfriesland ist, sollte hingehen. Essen. Trinken. Kulturtreiben. Das ist die richtige Antwort auf diese Geschichte — nicht Rückzug, nicht Boykott, sondern Zuspruch für jemanden, der es verdient hat.
Hier ein Blick in die Gastronmie und John Kasrei
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