Stell dir vor, unsere geliebte Sandkiste in der Nordsee bekommt ein Update – und diesmal fragt man tatsächlich die Leute, die hier morgens beim Bäcker die Krümel vom Brötchen klopfen, statt nur diejenigen, die die Insel als renditestarkes Parkett für ihre Designerschuhe betrachten. Es geschehen noch Zeichen und Wunder! Auf Sylt wird gerade ein Beteiligungsprozess für eine neue Tourismusstrategie angerührt, der so modern klingt, dass man fast vergessen könnte, wie lange wir hier über jedes neue Reetdach gestritten haben.
Das Herzstück des Ganzen ist eine sogenannte Lenkungsgruppe, in der nun endlich auch die Zivilgesellschaft mit am Tisch sitzt. Man hat offenbar eingesehen, dass es wenig bringt, die Zukunft der Insel in einem fensterlosen Hinterzimmer zwischen Kaviar-Schnittchen und Baugenehmigungen auszuwüreln. Jetzt dürfen auch Sozialverbände, Naturschützer und Kulturwächter ihren Senf dazugeben. Das ist ein bisschen so, als würde man bei einer Familienfeier plötzlich auch die Kinder fragen, ob sie wirklich das ganze Wochenende nur Blockflöte hören wollen.
Besonders charmant ist die Idee der Zufallsbürger. Da werden Menschen per Losverfahren ausgewählt, um in einem Bürerrat die Zukunft zu planen. Ein herrlich demokratisches Experiment: Plötzlich diskutiert der Postbote mit dem Pensionsinhaber und der Saisonkraft vom Festland darüber, wie viel Trubel der Strand eigentlich noch verträgt, bevor der Haubarg vor Schreck zusammenbricht. Es ist die Hoffnung auf einen gesunden Menschenverstand, der jenseits von Lobby-Geklüngel und Stammtisch-Parolen funktioniert. Ein repräsentativer Querschnitt unserer Inselgesellschaft darf also mitmischen – und man munkelt, dass dabei sogar vernünftige Ideen entstehen könnten, die nicht sofort im nächsten Champagnerglas ertrinken.
Natürlich gibt es die ewigen Skeptiker, die befürchten, das Ganze sei nur eine aufwendige PR-Show, während im Hintergrund schon die nächsten Betonmischer warmlaufen. Aber werfen wir doch mal einen Blick über den Tellerrand unserer Dünen, um den Puls zu beruhigen: Sylt ist nämlich nicht die erste Insel, die versucht, den Spagat zwischen Postkarten-Idylle und echtem Leben zu meistern, ohne sich dabei die Bänder zu reißen.
In Südtirol hat ein ganz ähnlicher Prozess dazu geführt, dass man den Begriff „Bettenobergrenze“ heute nicht nur buchstabieren kann, sondern ihn zum Gesetz erhoben hat. Die Strategie hat dort bewirkt, dass die Einheimischen wieder Hausherren im eigenen Land sind und die Wertschöpfung stieg, während der Stress für die Natur sank. Auch in Amsterdam hat ein radikaler Kurswechsel durch Bürgerbeteiligung dafür gesorgt, dass die Bewohner sich ihre Viertel von den Rollkoffer-Heeren zurückerobert haben. Sogar im beschaulichen Werfenweng hat man durch gemeinsames Planen bewiesen, dass sanfter Tourismus und wirtschaftlicher Erfolg keine Feinde sein müssen.
Diese Beispiele sind der lebende Beweis dafür, dass solche Konzepte keine Luftschlösser sind, sondern das Fundament für eine Insel, auf der wir auch in zwanzig Jahren noch gerne leben wollen. Es ist die Chance, Sylt nicht nur als Kulisse für Urlaubsfotos zu verwalten, sondern als Lebensraum zu erhalten, in dem man auch noch wohnen kann, ohne vorher im Lotto gewonnen zu haben. Wenn dieser Prozess tatsächlich dazu führt, dass Lebensqualität und Naturschutz nicht mehr nur lästige Fußnoten in den Tourismusstatistiken sind, dann könnten wir am Ende des Jahres wirklich etwas zu feiern haben. Und zwar alle zusammen, ganz ohne VIP-Bändchen.




















































