Am 1. Juni 2026 versammelten sich Vertreter der Gemeinde Sylt im Wenningstedter Saal am Kliff. Anlass war eine Auftaktveranstaltung für das Jubiläumsjahr 2027 — genau hundert Jahre, nachdem die Eisenbahnverbindung zwischen dem Festland und der Insel eröffnet worden war. Was an diesem Abend beschlossen wurde, hatte die Insel Jahrzehnte beschäftigt: Die Strecke soll künftig in der offiziellen Kommunikation nicht mehr „Hindenburgdamm“ heißen. Der neue Name lautet „Syltdamm“.
Es ist eine Entscheidung mit einer langen Vorgeschichte. Und einer wahrscheinlich noch längeren Nachgeschichte.
Ein Name aus dem Frühstück
Die Entstehung des Namens ist selbst Teil der Geschichte. Als Reichspräsident Paul von Hindenburg am 1. Juni 1927 im Salonwagen über den frisch gebauten, elf Kilometer langen Eisenbahndamm von Klanxbüll nach Westerland fuhr, empfingen ihn auf Sylt Ehrenpforten und Festlichkeiten. Beim anschließenden Frühstück im Kurhaus in Westerland ergriff Julius Dorpmüller das Wort. Der Generaldirektor der Deutschen Reichsbahn huldigte dem anwesenden Staatsoberhaupt und taufte die Strecke in seiner Rede auf den Namen „Hindenburgdamm“.
Beim anschließenden Frühstück im Kurhaus von Westerland taufte Julius Dorpmüller, der Generaldirektor der Deutschen Reichsbahn, den Damm auf den Namen Hindenburgdamm.
Was wie ein offizieller Akt wirkte, war es nie. Die Deutsche Bahn führt die Strecke intern bis heute unter dem technischen Kürzel „Nummer 2010″. Eine Sprecherin des Unternehmens erklärte gegenüber der dpa: „Die einzigen Eisenbahnbauwerke, die offiziell getauft werden, sind Tunnel.“ Ein Damm ist kein Tunnel. Der Name „Hindenburgdamm“ war, formal betrachtet, vom ersten Tag an inoffiziell. Er lebte im Volksmund — und blieb dort fast ein Jahrhundert.
Wer Hindenburg war
Paul von Hindenburg, geboren 1847, war Generalfeldmarschall des Kaiserreichs und wurde 1925 zum Reichspräsidenten der Weimarer Republik gewählt. Zum Zeitpunkt der Damm-Eröffnung 1927 galt er als konservative Integrationsfigur — militärischer Held, Symbol nationaler Stärke.
Sechs Jahre später vollzog sich, was Historiker als Schlüsselmoment des deutschen 20. Jahrhunderts beschreiben. Am 30. Januar 1933 wurde Adolf Hitler von Reichspräsident Hindenburg zum Reichskanzler ernannt. Hindenburg hätte ihn nicht ernennen müssen. Er tat es unter dem Druck einflussreicher konservativer Kreise, die glaubten, Hitler damit kontrollieren zu können.
Was folgte, überschritt rasch alle Erwartungen. Durch die Notverordnungen vom 4. und 28. Februar 1933 wurden verfassungsmäßige Grundrechte aufgehoben. Am 23. März 1933 wurde mit dem Ermächtigungsgesetz das Parlament ausgeschaltet. Hindenburg unterzeichnete beides. Er starb im August 1934. Hitler übernahm auch dessen Amt.
Die historische Bewertung Hindenburgs ist seither gespalten. War er Täter, Mitläufer, Ermöglicher? Die Freiburger Kommission kam im Falle Paul von Hindenburgs zu einem klaren Ergebnis: „Besonders schwerwiegend waren aber seine Berufung Adolf Hitlers zum Reichskanzler und seine nachfolgende Unterstützung. Als Reichspräsident hätte er niemals – und ohne Zwang – die Verordnungen und das Ermächtigungsgesetz unterzeichnen dürfen, die die freiheitlichen und demokratischen Grundrechte der Verfassung aufhoben und die nationalsozialistische Diktatur erst ermöglichten.“
Berlin strich Hindenburg 2020 von seiner Ehrenbürgerliste. Lübeck benannte den Hindenburgplatz um. Kiel das Hindenburgufer. In Hannover läuft ein Gerichtsstreit über die dortige Hindenburgstraße.
Jahrzehnte der Debatte
Die Diskussion um den Namen des Dammes ist so alt wie die Bundesrepublik selbst. Seit dem Zweiten Weltkrieg steht der Name Hindenburgdamm immer wieder in der Kritik, da Hindenburg als Wegbereiter Adolf Hitlers gesehen wird. Es gab zahlreiche Initiativen, eine andere Bezeichnung für den Damm zu finden. Vorschläge wie „Sylt-Damm“, „Friedens-Damm“ und „Nordfriesland-Damm“ konnten sich jedoch bisher nicht durchsetzen.
Der Grund für das wiederholte Scheitern war immer derselbe: Der Name war nie offiziell vergeben worden, also konnte er auch formal nicht umbenannt werden. Ein politischer Beschluss hätte allenfalls symbolische Wirkung gehabt — und genau daran entzündete sich jedes Mal die Debatte über Sinn und Unsinn des Vorhabens.
2019 brachten Grüne und SPD in Schleswig-Holstein die Forderung erneut auf. Der Verkehrspolitiker der Grünen und Landtagsabgeordnete Andreas Tietze begründete die Forderung: Hindenburg sei eine „unrühmliche Person“ gewesen. Vor dem Hintergrund des wachsenden Rechtsradikalismus könne eine Namensänderung des viel genutzten Hindenburgdamms das Geschichtsbewusstsein der Menschen stärken. Die CDU widersprach. Fraktionschef Tobias Koch hielt es für wichtiger, historische Namen für eine kritische Aufarbeitung zu nutzen, als sie zu streichen. Die FDP verwies darauf, dass der Name Hindenburgdamm gar nicht der offizielle sei — ein korrekter Hinweis, der die Debatte in Teilen absurd erscheinen ließ.
2022 brachte der Grünen-Ortsverband Südtondern eine Resolution in den Kreistag Nordfriesland ein. 2023 stellte ein Ehepaar aus Niedersachsen, das Verwandte im NS-Völkermord verloren hatte, Strafanzeige gegen die Gemeinde Sylt wegen Volksverhetzung — weil die Insel auf ihrer Tourismus-Website den Begriff „Hindenburgdamm“ verwendete. Die Anzeige verlief im Sande.
Der Beschluss von 2026
Nun hat die Gemeinde Sylt den Schritt getan — nicht über eine formale Umbenennung, die rechtlich nicht möglich ist, sondern über eine kommunikative Entscheidung. Die Gemeinde Sylt und ihre Partner wollen die Verbindung heute als Bauwerk der Region verstanden wissen und nicht mehr über die historische Person Hindenburg definieren.
Bürgermeisterin Tina Haltermann erklärte bei der Auftaktveranstaltung: „Der Syltdamm verbindet seit fast einem ganzen Jahrhundert das Festland mit der Insel und damit Menschen, Lebenswelten und Perspektiven und ist als fester Bestandteil unserer Region weit mehr als reine Infrastruktur.“
Der Anlass ist pragmatisch: Das hundertjährige Jubiläum der Strecke steht 2027 bevor. Ein neues Logo wurde vorgestellt, eine eigene Website eingerichtet, ein Podcast angekündigt. Die Strecke soll in allen offiziellen Formaten der Gemeinde, im Tourismus, in Veranstaltungen und in der Presse von nun an „Syltdamm“ heißen. Auch das Sylter Archiv plant für 2027 eine Ausstellung im Foyer des Westerländer Rathauses, die sich der Geschichte des Dammes und der Debatte um seinen Namen widmet.
Was die Entscheidung formal nicht ist: eine Umbenennung im rechtlichen Sinne. Dabei trägt der Damm bei der Deutschen Bahn offiziell keinen Personennamen. Das Unternehmen führe die Strecke lediglich unter „Nummer 2010″. Der Beschluss der Gemeinde ändert an dieser Tatsache nichts. Er ändert nur, wie die Gemeinde selbst über die Strecke spricht.
Das Problem der Sprache…
Und damit beginnt das eigentliche Problem. Der Name „Hindenburgdamm“ ist nicht in einem Amtsregister eingetragen. Er war es nie. Er lebt in etwas anderem: in Generationen von Reisenden, die diese Worte seit Kindheit gehört haben. In Nachrichten, Wetterkarten, Reiseführern. In dem Moment, in dem ein Autofenster heruntergekurbelt wird und jemand zum ersten Mal in seinem Leben Nordseeluft atmet — und jemand neben ihm sagt: „Wir sind auf dem Hindenburgdamm.“
Koli war vor zehn Jahren mit dabei, es durchzusetzen, dass der Name geändert wird. Aber es war eben ein fester Begriff, dass man über den Hindenburgdamm auf die Insel fährt. Und ob nun Hindenburgdamm oder Syltdamm oder Sültzdamm, egal — für die Bahn bleibt es bei der internen Bezeichnung Nummer 2010.
Namen, die nie offiziell waren, sind in gewisser Weise unverwundbar. Sie lassen sich nicht per Beschluss aus dem Sprachgebrauch streichen, weil kein Beschluss sie je dort hineingebracht hat. Der Hindenburgdamm wurde nicht benannt. Er wurde so genannt. Das ist ein Unterschied, der über Generationen trägt.
Wie lange es dauern wird, bis das Wort „Syltdamm“ denselben selbstverständlichen Klang hat wie das Wort, das es ersetzen soll — das lässt sich nicht berechnen. Sprache folgt keinem Zeitplan. Aber Gemeinden, Medien, Schulen und Tourismusbüros, die konsequent einen anderen Namen verwenden, können den Prozess anstoßen. Ob er gelingt, entscheidet sich nicht im Wenningstedter Saal. Es entscheidet sich auf dem Bahnsteig in Niebüll, wenn ein Kind zum ersten Mal fragt: „Wie heißt diese Strecke eigentlich?“
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