Es gibt auf Sylt viele Menschen, die etwas Besonderes machen. Die nach dem Glanz suchen, nach der perfekten Welle oder dem großen Geschäft. Und dann gibt es Alexander Leuschel. Er ist 26 Jahre alt, Deutschlands jüngster Muschelkutter-Kapitän, und sein Heimathafen ist das beschauliche Hörnum im Süden der Insel. Sein Büro schaukelt sanft im Takt der Nordsee, seine Aussicht ist der endlose Horizont, und das Wort „Urlaub“ hat für ihn eine völlig andere Bedeutung als für die meisten von uns. Nicht etwa, weil er keine Zeit hätte, um von der Insel zu fliehen. Sondern weil sein Beruf für ihn genau das ist, wofür andere um die halbe Welt reisen: Erfüllung.
Wenn man Alexander Leuschel auf seinem Kutter, der Trijntje, beobachtet, versteht man schnell, dass hier jemand genau an dem Platz im Leben steht, für den er bestimmt war.
Eine Berufung, die in der Familie liegt Die Liebe zum Meer wurde ihm quasi in die Wiege gelegt. Geboren im holländischen Sneek, mitten in Südwestfriesland, stammt er aus einer echten Muschelfischer-Dynastie. Schon der Großvater und der Vater fuhren zur See. Mit gerade einmal 14 Jahren stand für Alexander unumstößlich fest: Das will ich auch. Nicht nur so ungefähr, sondern mit absoluter Klarheit.
Doch wer ganz nach oben auf die Brücke will, muss das Handwerk von der Pike auf lernen. Alexander fing ganz unten an. Als einfacher Decksmann schleppte er schwere Körbe, flickte unermüdlich Netze und führte Befehle aus. Er lernte das Meer spüren, die harte körperliche Arbeit schätzen und die Abläufe an Bord verinnerlichen. Heute, Tausende Seemeilen später, ist er der Juniorchef. Er steht mit ruhiger, fast stoischer Gelassenheit auf der Brücke der Trijntje und koordiniert alles wie im Schlaf. Sein Vater, der eigentliche Inhaber, vertraut ihm das Schiff blind an. Alexander hat das Steuer übernommen, und das Schiff und er denken längst gemeinsam.
Die Trijntje, die Großmutter und die Sache mit den Socken Die Trijntje ist kein modernes Luxusschiff, sondern ein ehrliches, 44 Meter langes Arbeitsgerät aus purem Stahl, Baujahr 1998. Ihren liebevollen Namen trägt sie zu Ehren von Alexanders Großmutter mütterlicherseits. Wer das Innere betritt, fühlt sich ein wenig in die frühen Siebzigerjahre zurückversetzt. Nicht, weil Alexander keinen Sinn für Ästhetik hätte – im Gegenteil. Gemeinsam mit einem holländischen Tischler gibt es längst Pläne, das Innere mit warmem, neuem Holz auszukleiden und gemütlicher zu gestalten. Doch die Zeit ist ein rares Gut, wenn das Meer ruft.
Was beim Betreten der Brücke jedoch sofort auffällt und den Charakter dieses jungen Kapitäns vielleicht am besten beschreibt: Der Teppich sieht aus wie frisch gesaugt, und am Eingang stehen die Schuhe fein säuberlich aufgereiht. Der Kapitän selbst bewegt sich leise und trittsicher auf Socken. Das ist keine exzentrische Marotte, sondern gelebte Führung. Er weiß: Wenn der Decksmann hereinkommt, um sich einen heißen Kaffee zu holen, klebt Schlick und Muschelkalk an den Stiefeln. Geht der Kapitän auf Socken voran, lassen auch die anderen ihre dreckigen Schuhe am Eingang stehen. Führung durch Vorbild, ganz ohne laute Worte.
Der Landwirt auf dem Meeresgrund Wenn man Alexander fragt, was er eigentlich genau tut, lächelt er. Er sieht sich gar nicht unbedingt als klassischen Fischer. „Eigentlich bin ich ein Bauer“, sagt er, „ein Muschelbauer.“ Denn was er betreibt, ist nachhaltige Landwirtschaft unter Wasser.
Von seinem modernen Steuerstand aus – der ein wenig etwas von Captain-Kirk-Stuhl hat – bedient er die Hydraulik, lässt die Netze zu Wasser und überwacht die Monitore der beiden Echolote. Die Muscheln, die er erntet, sind das Ergebnis jahrelanger Pflege. Bis eine Sylter Muschel perfekt und reif für den Kochtopf ist, war sie meist schon viermal an Bord: Sie wird als Saat gefischt, umgesiedelt, regelmäßig kontrolliert und darf wachsen. Für die Ernte von morgen sät er heute aus – oft dauert es volle zwei Jahre, bis die Qualität so exzellent ist, wie Alexander sie haben möchte.
Diese Arbeit erfordert eine tiefe Verbundenheit mit der Natur. Entgegen der romantischen Vorstellung wartet Leuschel dabei nicht auf die Gezeiten. Die Trijntje ist tideunabhängig. Der wahre Taktgeber ist das Wetter. Wenn ein harter Ostwind mit Windstärke 11 oder 12 über die Nordsee peitscht, bleibt auch der erfahrenste Seemann im schützenden Hafen.
Wenn das Wetter es aber zulässt, ist Alexander in seinem Element. Mit gelb-schwarzen Pricken markiert er seine Unterwasser-Felder. Um wirklich sicherzugehen, dass es seinen Kulturen gut geht, reicht ihm die Technik an Bord oft nicht aus. Dann zieht der junge Kapitän kurzerhand den Neoprenanzug an, taucht selbst in die kühle Nordsee ab und inspiziert den Meeresboden mit eigenen Augen. Diese Hingabe zahlt sich aus: Wenn man ein Feld richtig pflegt, so sagt er ein wenig stolz, kann sich das Volumen der Muscheln von der Aussaat bis zur Ernte gut und gerne verdreifachen.
Heimatliebe, Fußball und die einfache Frage des Geschmacks Wer so viel arbeitet – in der Hauptsaison klingelt der Wecker auch mal um zwei Uhr nachts –, der braucht einen Ausgleich. Für Alexander ist das der Fußball beim Insel-Club SC Norddörfer. Und auch wenn die Mannschaft auf dem Rasen mal Rückschläge einstecken muss, bleibt er ihr treu.
Überhaupt ist Treue ein großes Wort in seinem Leben. Auf die Frage, ob es ihn nicht mal reizen würde, im Pazifik raue Königskrabben zu fischen oder andere Weltmeere zu erobern, schüttelt er nur den Kopf. Er liebt Sylt, er liebt sein Leben hier. Wenn er mal ein Wochenende frei hat, fliegt er vielleicht kurz nach Mallorca, um abzuschalten, aber dann zieht es ihn sofort wieder zurück.
Und was kommt beim Muschelbauern selbst auf den Teller? Austern jedenfalls nicht. Die schmecken ihm schlichtweg zu sehr nach Meerwasser. Eine gut gekochte, aromatische Muschel ist ihm tausendmal lieber. Bodenständig, ehrlich, lecker.
Offene Türen für die nächste Generation Alexander weiß, dass sein Job ein Knochenjob ist. Aber es ist ein Beruf, den er teilen möchte. Praktikanten sind auf der Trijntje jederzeit willkommen, wenn sie bereit sind, hart anzupacken. Ausdrücklich auch Frauen – auch wenn sich bisher noch keine auf das Deck verirrt hat. Seine Begeisterung steckt an: Zwei Sylter haben bei ihm bereits alles gelernt, ihr Kapitänspatent gemacht und stehen nun selbst als fest angestellte Kapitäne am Steuer.
Seemannschaft, das ist rauer Wind, salzige Luft und harte Arbeit. Aber wenn man liebt, was man tut, fühlt sich auch schwere Arbeit plötzlich ein bisschen leichter an. Wer Alexander Leuschel einmal auf seiner Brücke erlebt hat – fokussiert, im Einklang mit seinem Schiff und den Meeresströmungen, leise auf Socken –, der versteht sofort: Dieser junge Mann hat nicht nur einen Beruf gefunden. Er hat seine Bestimmung gefunden. Und die Küste von Sylt ist um ein echtes Original reicher.
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