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Zwei Erzählungen für Sylt – war ich dabei?

Zwei Erzählungen für Sylt - war ich dabei?
Foto: Redaktion
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Eine Glosse über einen Bürgerrat, einen Aufkleber und die Frage, wer eigentlich für wen gesprochen hat von Alex Lenz – Auf einigen Sylter Firmenwagen klebt neuerdings eine Sprechblase. Sie ist rund und pink, und darin steht: „ich bin Sylt.“ Laut Flyer gibt es dazu „kein Erklärtext“. Das ist ehrlich, denn erklärt wird in der Kampagne in der Tat wenig. Dafür wird mehr behauptet.

Den Anfang machten die Sylter Unternehmer am 3. September auf ihrer Jahreshauptversammlung, mit einem Vortrag unter dem Titel „Jenseits der Identitätskrise. Warum Sylt eine neue gemeinsame Erzählung braucht.“ Eine Agentur wurde beauftragt. Versprochen wurden wissenschaftliche Analysen, Entwicklungsszenarien, neue Dialogformate und fünf Akutmaßnahmen: Beherbergungskapazitäten, Investitionsbedingungen, touristische Wertschöpfung, Sauberkeit und Aufenthaltsqualität.

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Bemerkenswert war vor allem der Zeitpunkt. Acht Tage vorher hatte die Insel ihre gemeinsame Erzählung schon vorgestellt bekommen, im Alten Kursaal vor rund 250 Leuten.

Dahinter steckte ein Jahr Arbeit. Ende 2025 hatten die fünf Inselgemeinden beschlossen, zum ersten Mal eine Tourismusstrategie für die ganze Insel erarbeiten zu lassen. Es folgten ein Lenkungskreis mit 26 Mitgliedern und eine Themenlandkarte mit 13 Feldern. In allen zwölf Inselorten tagten Ortsgruppen, dazu kamen Fokusgruppen. 759 Menschen beteiligten sich online. Aus dem Melderegister wurden Sylterinnen und Sylter ausgelost, und am Ende saßen 31 Insulaner und vier Pendler im Sommer in Sitzungen, während draußen die Saison lief. Wer auf Sylt im Juli freiwillig Abende in Gremien verbringt, meint es ernst.

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Der Flyer zu „ich bin Sylt“ würdigt diese Arbeit auf seine Weise. Die Kampagne sei eine „Ergänzung“, heißt es dort: Die Tourismusstrategie wende sich „an die zukünftigen Gäste“, „ich bin Sylt“ stärke dagegen „die Einheimischen und die Wirtschaft“.

Das ist eine kühne Arbeitsteilung. Man hat also Einheimische aus dem Melderegister gelost, damit sie über Gäste beraten. In den Ortsgruppen sprachen die Sylter über Wohnraum, Mobilität und Infrastruktur, also über genau die Dinge, die den Urlauber im Strandkorb am wenigsten beschäftigen. Er sucht auf Sylt selten eine Dauerwohnung und noch seltener einen Kita-Platz. Die Strategie hat ihr Ziel trotzdem gleich selbst aufgeschrieben: Der Tourismus soll dem guten Leben aller dienen, „Einheimischen genauso wie unseren Gästen“. Das steht so auf sylt.de. Man muss es nur lesen, bevor man einen Flyer druckt.

Bleiben die fünf Akutmaßnahmen. Eine davon findet sich in den öffentlichen Zusammenfassungen der Strategie tatsächlich wieder: die Aufenthaltsqualität. Die anderen vier tauchen dort nicht auf, also Bettenkapazitäten, Investitionsbedingungen, Wertschöpfung und Sauberkeit. Dafür sind sie auffällig nah an den Sorgen eines Unternehmerverbands. Das ist nicht verwerflich, denn wer Betten vermietet, darf über Betten reden. Man sollte es dann nur nicht „Stärkung der Einheimischen“ nennen. Der Einheimische hat von zusätzlichen Gästebetten ungefähr so viel wie vom Wetterbericht für Mallorca.

Die Sauberkeit ist dabei der einzige Punkt, bei dem wohl jeder sofort zustimmt. Dafür braucht es allerdings keine neue Erzählung, sondern einen Besen.

Ihre Eile begründet die Initiative mit einem Satz, der auch über jedem Autozug-Terminal hängen könnte: Man wolle „nicht warten“. Der Bürgerrat kennt die Alternative. Er hat gewartet, nämlich auf die nächste Sitzung, das nächste Protokoll und die nächste Abstimmung. Mitte November tagt der Lenkungskreis zwei Tage lang, Anfang Januar soll die Strategie fertig sein, im Frühjahr entscheiden die Gemeindevertretungen. Das ist nicht schnell. Es ist aber das, was man Demokratie nennt, wenn sie etwas länger braucht als ein Aufkleber.

Laut Flyer soll aus dem „Die müssten mal …“ ein gemeinsames „Wir können …“ werden. Das ist ein schöner Satz. Er hat nur das Pech, dass die Insel das gerade ein halbes Jahr lang praktiziert hat, mit Losverfahren, Moderation und Kaffee aus Thermoskannen. Jetzt kommt jemand mit einem Druckauftrag vorbei und erklärt, das „Wir“ fange erst an.

Gegen Gemeinsinn hat niemand etwas. Ein „Wir“, das ein Verband beauftragt und eine Agentur gestaltet, darf sich aber die Frage gefallen lassen, wer da eigentlich spricht. Die Sprechblase sagt: Sylt. Nach dem Absender gefragt, ist es zunächst einmal ein Verband mit seinen Mitgliedsbetrieben. Das ist eine respektable Stimme, die Insel ist es aber nicht.

Darum noch einmal die Frage, die man gern öffentlich beantwortet hören würde: Warum beginnt man die Ergänzung einer Strategie damit, ihr zu bescheinigen, sie sei für jemand anderen gemacht? Rückenwind, wie der Flyer verspricht, fühlt sich anders an. Auf Sylt weiß man, dass Wind von hinten selten mit dem Satz beginnt: „Ihr habt das falsch verstanden.“

Bis dahin fahren die Sprechblasen über die Insel. Wenn die Strategie im Frühjahr beschlossen ist, sollte man vielleicht auch einen Aufkleber drucken lassen. Darauf könnte stehen: „ich war dabei.“ Den dürften allerdings nur die tragen, die tatsächlich dabei waren.

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