Also machst du dich auf den Weg. Zu Fuß durch die Wiedingharde. Zwischen dir und dem rettenden Sofa liegen gefühlt hundert Kilometer absolute Dunkelheit, knirschender Schotter und weite Felder, die im schummrigen Mondlicht alle irgendwie bedrohlich aussehen.
Das eigentliche Problem ist aber nicht die Dunkelheit. Das Problem schnallt auf deinem Rücken. In deinem Rucksack ruhen liebevoll verpackte, frisch marinierte Nackensteaks, Würstchen und feinstes Grillfleisch für das Wochenende auf Sylt. Du bist in diesem Moment kein Pendler mehr. Du bist eine mobile, hochgradig aromatische Fleischlieferung auf zwei Beinen. Ein wandelndes All-you-can-eat-Buffet mit Knoblauchnote.
Und dann zerreißt ein Geräusch die friesische Stille. Ein Heulen. Langgezogen, tief und definitiv kein heiserer Dackel vom Nachbarhof.
Man fragt sich unweigerlich: Wie schnell kann ein Mensch in völlig falschem Schuhwerk über holprige Feldwege rennen, wenn ihm klar wird, dass er in der Nahrungskette gerade spontan degradiert wurde? Usain Bolt wäre vermutlich blass vor Neid angesichts der Sprints, die ein nordfriesischer Pendler mit Grillfleisch-Panik im Dunkeln hinlegen kann.
Vom ironischen Sprint zur bitteren Realität
Das Bild des panischen Fußgängers mit der Bratwurst im Nacken hat durchaus komödiantisches Potenzial. Doch das Lachen bleibt einem schnell im Halse stecken, wenn man die Szenerie wechselt. Denn die Angst, die nachts durch die Wiedingharde kriecht, ist real.
Stell dir vor, es ist Freitagabend. Die Marschbahn hat – völlig überraschend – mal wieder astronomische Verspätung. Du strandest in Klanxbüll oder irgendwo bei Neukirchen, und die Rücklichter des letzten Busses verschwinden gerade gemütlich am Horizont. Der Busfahrer hat nicht gewartet, warum sollte er auch?
Fahrpläne sind in Nordfriesland schließlich eher philosophische Konzepte.
Die Wölfe kommen. Das ist längst keine diffuse Panikmache aus alten Märchenbüchern mehr, sondern Biologie auf vier Pfoten. Sie ziehen durch die Region, völlig unbeeindruckt von Kreisgrenzen, Zügen oder Bahndämmen.
Und hier wird das Ganze zum handfesten Albtraum für jene, die nachts nicht mit Steaks im Rucksack flüchten, sondern verzweifelt versuchen, ihre Existenz zu verteidigen: die Schäfer.
Nordfriesland und die Küstenregionen bestehen aus riesigen, offenen Flächen. Wer fordert, man müsse die Weiden eben wolfssicher machen, hat noch nie vor einem kilometerlangen Deich gestanden. Es ist eine absolute Illusion zu glauben, man könne diese Weiten flächendeckend mit Zäunen abriegeln, ohne die Landschaft in einen Hochsicherheitstrakt zu verwandeln.
Die Schäfer sind schlichtweg am Limit. Sie können unmöglich diese enormen Gebiete abdecken, ihre Herden lückenlos schützen und parallel nachts Wache halten. Wenn schon ein Goldschakal auf Sylt fast 100 Schafe reißen konnte und damit bewies, dass der Hindenburgdamm eine prima Wanderroute ist, dann ist der Weg für den Wolf längst geebnet.
Am Ende bleibt also nicht nur die Frage, wie schnell der Pendler rennt. Sondern vor allem: Wie schnell reagieren wir als Gesellschaft, bevor die Schäfer aufgeben und der unverzichtbare Küstenschutz buchstäblich vor die Hunde – beziehungsweise Wölfe – geht?
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