Satire: Sönke, der Sylter Steuerberater, prüft den Edeka-Johannsen-Mittagstisch in Keitum vom 20. bis 25. Juli – eine Woche als Jahresabschluss, vom Hackbraten-Anlagevermögen bis zur sofort abschreibbaren Hühnersuppe.
Sehr geehrte Mandantinnen und Mandanten! Andere sehen auf einer Speisekarte Gerichte. Ich sehe Buchungssätze. Deshalb habe ich mir den Mittagstisch bei Edeka Johannsen in Keitum für die Woche vom 20. bis 25. Juli vorgenommen und ordnungsgemäß testiert – nach den Grundsätzen ordnungsmäßiger Bekochung. Vorab mein wichtigster Hinweis der Woche: Heben Sie den Bon auf. Ein Geschäftsessen in Keitum ist zu 70 Prozent abzugsfähig, zu 100 Prozent bekömmlich und zu 0 Prozent zu bereuen. Zur Prüfung im Einzelnen. Es gilt: nur in Keitum.
Montag: Hackbraten mit Bratensauce, Erbsen-Möhrengemüse & Püree — 9,90 €
Wir eröffnen das Geschäftsjahr mit klassischem Anlagevermögen. Der Hackbraten ist ein Sachwert von beachtlicher Substanz, ordnungsgemäß aktiviert und mit Bratensauce werthaltig aufgestockt. Das Püree buchen wir als Grund und Boden – nicht abnutzbar, immer gefragt –, das Erbsen-Möhrengemüse läuft als Instandhaltungsaufwand für den Vitaminhaushalt sofort durch die GuV. Abschreibung: linear über den Nachmittag, restlos.
Dienstag: Hühnerfrikassee mit Erbsen & Spargel, dazu Reis — 8,90 €
Ein Konzernabschluss in Weiß: Hier werden mehrere Einzelposten – Huhn, Erbsen, Spargel – sauber konsolidiert und in einer cremigen Gesamtposition ausgewiesen. Der Spargel ist eindeutig ein Sonderposten mit Rücklageanteil, denn im Juli ist der eigentlich längst ausgebucht. Der Reis dient als Umlaufvermögen: bindet kurzfristig alles, was an Sauce liquide ist. Für 8,90 Euro ein Ergebnis vor Steuern, das keine Rückfragen aufwirft.
Mittwoch: Paprika-Schnitzel mit Bratkartoffeln — 9,90 €
Ein Posten mit Auslandsbezug! Das Paprika-Schnitzel bringt südländisches Temperament in die Bücher – ich prüfe noch, ob hier das Doppelbesteuerungsabkommen mit Ungarn greift, aber der Genuss ist jedenfalls quellensteuerfrei. Die Bratkartoffeln sind vorbildlich geführtes Vorratsvermögen: einzeln bewertet, durchgehend geröstet, kein Schwund feststellbar. Beanstandungen: keine. Nachschlag: erwägenswert.
Donnerstag: Kalbsgulasch mit frischen Champignons & Salzkartoffeln — 12,90 €
Jetzt betreten wir das Premium-Segment der Bilanz. Kalb ist die Investition mit dem besten Rating der Woche, und die frischen Champignons decken wir als das auf, was sie sind: stille Reserven aus dem Wald, endlich realisiert. Die Salzkartoffeln bilden solide Rückstellungen für den Nachmittagshunger. 12,90 Euro sind ein Aufwand, gewiss – aber einer, der sich noch am selben Tag amortisiert. Aus steuerlicher Sicht: zeichnen.
Freitag: Fangfrischer Seelachs in Knusperpanade mit Sauce Hollandaise & Salzkartoffeln — 12,90 €
Der Fisch ist so frisch, der war bei Redaktionsschluss noch nicht einmal buchungspflichtig. Die Knusperpanade weisen wir als werterhöhende Ummantelung aus, und die Sauce Hollandaise ist – da bin ich als Prüfer streng – ein klassischer geldwerter Vorteil: eigentlich Luxus, aber niemand will darauf verzichten, und versteuern muss ihn hier ausnahmsweise keiner. Dazu der schönste Satz, den ein Steuerberater am Freitag sagen kann: Auf Lebensmittel gilt der ermäßigte Satz. Sieben Prozent. Mehr Ermäßigung bekommen Sie auf dieser Insel nirgends.
Samstag: Hühnersuppe mit Gemüse & Suppennudeln — 5,90 €
Mein Lieblingsposten der Woche: das geringwertige Wirtschaftsgut. Unter der Grenze, voll funktionsfähig, im Jahr der Anschaffung sofort und vollständig abschreibbar – idealerweise gegen 13 Uhr. Gemüse und Suppennudeln sind ordnungsgemäß beigefügt, die Inventur ergab: alles drin. Für 5,90 Euro die effizienteste Position des gesamten Abschlusses. Wer am Samstag klug wirtschaftet, isst Suppe.
Täglich: Nudeln Bolognese (7,50 €), Chili con Carne (7,50 €), Rindergulasch mit Nudeln (9,50 €)
Die Dauerschuldverhältnisse des Hauses – und ich meine das als höchstes Lob. Jederzeit verfügbar, konstant bewertet, seit Jahren ohne Wertberichtigung. Das ist keine Spekulation, das ist die Festgeldanlage unter den Mittagsgerichten: unaufgeregt, verlässlich, mündelsicher. Wenn die Märkte verrücktspielen, bucht der kluge Mandant Bolognese.
Der Bestätigungsvermerk
Nach pflichtgemäßer Prüfung erteile ich dieser Woche den uneingeschränkten Bestätigungsvermerk: Die Bilanz ist ausgewogen, die Portionen sind es auch, versteckte Verbindlichkeiten wurden nicht festgestellt – höchstens die Verbindlichkeit, wiederzukommen. Verlustvortrag: ausgeschlossen. Und merken Sie sich meine drei Grundsätze ordnungsmäßigen Mittagessens: absetzen, abschreiben, aufessen. In dieser Reihenfolge. Termin beim Finanzamt? Kann warten. Termin in Keitum? Mittags.
Inhaltsverzeichnis
Toggle- Montag: Hackbraten mit Bratensauce, Erbsen-Möhrengemüse & Püree — 9,90 €
- Dienstag: Hühnerfrikassee mit Erbsen & Spargel, dazu Reis — 8,90 €
- Mittwoch: Paprika-Schnitzel mit Bratkartoffeln — 9,90 €
- Donnerstag: Kalbsgulasch mit frischen Champignons & Salzkartoffeln — 12,90 €
- Freitag: Fangfrischer Seelachs in Knusperpanade mit Sauce Hollandaise & Salzkartoffeln — 12,90 €
- Samstag: Hühnersuppe mit Gemüse & Suppennudeln — 5,90 €
- Täglich: Nudeln Bolognese (7,50 €), Chili con Carne (7,50 €), Rindergulasch mit Nudeln (9,50 €)
- Der Bestätigungsvermerk
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