Marschbahn: Wer pendelt, braucht Geduld, Thermounterwäsche und einen Parkschein mit Puffer
Am Freitagabend fielen Züge aus, der nächste kam zu spät, und in Klanxbüll fuhr der Anschlussbus eine Minute vor Ankunft leer davon. Am Samstagmorgen ging es mit bis zu 62 Minuten Verspätung weiter. Ein Erfahrungsbericht aus der Kältekammer Nordfriesland.
Es ist November. Für die Marschbahn ist das offenbar ein Naturereignis, das jedes Jahr wieder völlig überraschend kommt, so wie Ebbe und Flut oder die Kurtaxe. Man hört förmlich, wie irgendwo in einem Stellwerk jemand ungläubig aus dem Fenster schaut und murmelt: „Kalt? Jetzt schon?“
Feierabend, Version Freitag
Wer am Freitag von 12 bis 21 Uhr auf der Insel gearbeitet hat, in Küche, Hotel, Laden oder Pflege, wollte nur noch eins: nach Hause. Der Zug um 21.20 Uhr ab Westerland hatte andere Pläne. Er fiel aus, einfach so, ohne Abschied.
Der nächste sollte um 22.20 Uhr fahren und tat das auch, mit 30 Minuten Verspätung, damit niemand sagen kann, die Bahn halte ihre Versprechen nicht. Aus der Gegenrichtung zeigte die App zwischendurch ein stolzes „+99 Minuten“. Man fragt sich, ob die App nicht mehr als zwei Stellen darstellen kann oder ob die Zahl einfach aus Scham dort stehen geblieben ist. Dazu der Hinweis, man fahre „nach Verkehrslage“. Das klingt nach Navigationsgerät, meint aber: Wir wissen es selbst nicht.
Klanxbüll, Endstation Hoffnung
Wer dann tatsächlich in Klanxbüll ankam, wurde mit einer besonderen Inszenierung belohnt. Der Bus, der die müden Inselhelferlein weiterbringen sollte, fuhr eine Minute vor Ankunft des Zuges los. Leer. Pünktlich. Konsequent.
Und so standen sie da in der Novembernacht am Bahnsteig, die Menschen, ohne die auf Sylt kein Bett gemacht, kein Fisch gebraten und kein Kaffee serviert wird. Wenn die Bahn einen Preis für Abstimmung bekommen soll, dann einen für die perfekte Gegenläufigkeit.
Samstagmorgen: gleiche Strecke, gleiche Probleme
Wer glaubte, nach einer Nacht Schlaf, so man denn welchen bekam, sehe die Welt anders aus, wurde am Samstagmorgen eines Besseren belehrt. Wieder Ausfälle, wieder Verspätungen, diesmal bis zu 62 Minuten. Das ist eine gute Stunde, die einem morgens fehlt und abends sowieso.
Das Pendlerleben ist kein Abenteuerurlaub
Hinter jeder roten Zahl in der App steht jemand, der zu spät zur Schicht kommt, der Kinder nicht rechtzeitig abholt oder der nach neun Stunden Arbeit noch zwei weitere im Wartehäuschen verbringt. Das ist kein Einzelfall und kein Pech. Das ist auf Dauer eine Belastung, die man den Pendlerinnen und Pendlern nicht mehr zumuten kann.
Sylt lebt davon, dass Tausende jeden Tag über den Damm kommen. Wer diese Menschen im Winter in der Kälte stehen lässt, spart nicht an der Bahn, sondern an der Insel.
Der Service-Tipp zum Schluss
Wer auf Sylt einen Parkschein auf Zeit gebucht hat, sollte ihn vorsorglich ein paar Stunden verlängern. Die Marschbahn hält sich nicht an Fahrpläne, das Ordnungsamt aber sehr wohl an Parkzeiten. Ein Knöllchen obendrauf wäre dann wirklich der Gipfel eines Feierabends, der eigentlich um 21.20 Uhr hätte beginnen sollen.
Gute Fahrt. Irgendwann.
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