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Hindenburgdamm: Der gefährlichste Sylter Radweg, den es nie gab

Mit dem Fahrrad nach Sylt
Foto: Redaktion
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Elf Kilometer, Nordseewind, Schafe links, Watt rechts: Der Hindenburgdamm wäre die schönste Radstrecke Deutschlands. Leider ist er auch die gefährlichste. Jedenfalls auf dem Papier.

Ein Damm, auf dem nur Züge stehen dürfen

Seit 1927 verbindet der Hindenburgdamm Sylt mit dem Festland. Seitdem ist er ein Ort der Begegnung: Hier begegnen sich Pendler und Verspätungen, Urlauber und Ersatzfahrpläne, Autos und der Autozug. Nur Radfahrer begegnen sich hier nicht. Die dürfen nicht.

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Dabei hat die Insel ein Verkehrsproblem, das jeder kennt, der je in Niebüll auf einem Bahnsteig stand und dem Wort „Stellwerksstörung“ beim Altern zusah. Sylt ist mit dem Festland durch genau eine Leitung verbunden. Und wenn die hakt, hakt alles.

Die Frage liegt also nahe: Warum eigentlich kein Radweg daneben? Die Antwort, die das Land Schleswig-Holstein darauf gegeben hat, verdient eine genauere Betrachtung. Man könnte sagen: Sie verdient einen Preis.

Die Idee, die niemand wollte, außer allen

Die Idee ist nicht neu. 2015 startete der Berliner Wissenschaftler Andreas Jüttemann eine Petition für einen Radweg über den Damm. 2016 griff sie der Landtagsabgeordnete Uli König auf, verkehrspolitischer Sprecher der Piraten in Kiel.

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Königs Argument war von fast unverschämter Schlichtheit: Wenn die Bahn nicht zuverlässig fährt, fährt man eben selbst. Elf Kilometer seien mit dem E-Bike „ohne Probleme zu meistern“. Pendler hätten eine Alternative, Fahrradverleiher ein Geschäft, der Tourismus eine Attraktion.

Man muss sich das vorstellen: ein Politiker, der ein Verkehrsproblem mit einem Fahrrad lösen will. In Deutschland. Es konnte nicht gutgehen.

Der Teufel, das Detail und die Nordsee

Der damalige Verkehrsminister Reinhard Meyer fand die Idee laut Presseberichten durchaus „faszinierend“. Doch der Teufel stecke im Detail. Und dieser Teufel, das muss man ihm lassen, hat sich auf dem Hindenburgdamm häuslich eingerichtet. Ein kleiner Rundgang durch seine Argumente.

Erstens: Der Damm ist Betriebsgelände der Bahn. Das stimmt. Es ist auch das einzige Argument, das man nicht wegläch­eln kann. Allerdings ist „Gehört uns nicht“ eher die Beschreibung eines Problems als seine Lösung. Die Landesregierung erklärte sich für nicht zuständig, die Bahn zeigte kein Interesse. So entsteht in Deutschland Infrastruktur: indem zwei Beteiligte gemeinsam feststellen, dass es der andere nicht will.

Zweitens: Wind und Sicht. Auf dem Damm sei es windig, und man sehe nicht immer gut. Das ist richtig und für Sylt eine eher überraschende Erkenntnis. Wer je die Insel mit dem Rad von Hörnum nach List gefahren ist, weiß: Gegenwind ist hier kein Risiko. Er ist Folklore.

Drittens: heimtückische Tideströmungen. Wer vom Rad ins Wasser stürze, sei in Gefahr. Nun fällt man von einem Radweg normalerweise nicht ins Meer, sondern allenfalls in den Seitenstreifen. Es sei denn, der Radweg ist so geplant, dass man ins Meer fällt. Dann wäre allerdings nicht der Radweg das Problem, sondern die Planung. Alternativ könnte man den Minister auch einmal in den Zug setzen und die reissenden Gezeitenströmungen in Augenschein nehmen. Ja genau, die 30cm Wassertiefe (wenn Wasser da ist)

Viertens: Man kann den Weg nicht verlassen. Elf Kilometer ohne Abzweig, ohne Ausweg. Das ist exakt das, was Radfahrer an einem Radweg schätzen. Autobahnen haben übrigens dieselbe Eigenschaft und gelten trotzdem als zumutbar.

Fünftens: Gegenstände aus vorbeifahrenden Zügen. Radfahrer könnten von etwas getroffen werden, das aus dem Zug fällt. Die Gleise liegen allerdings rund sechs Meter vom vorhandenen Rettungsweg entfernt. Der ADFC hält 2,40 Meter für ausreichend. Man fragt sich still, was da aus den Zügen fliegt. Und warum es bisher niemand anderem aufgefallen ist. Und ob in Klanxbüll Helme verteilt werden, wenn Autozüge und ICEs am 2 Meter breiten Bahnsteig vorbeirasen..

Sechstens: schwierige Rettung. Bei einem Unfall komme man schlecht hin. Das gilt freilich auch für die Züge, die dort seit fast hundert Jahren fahren, und für die Menschen darin. Ein Radweg wäre, nebenbei bemerkt, ein ziemlich guter Rettungsweg.

Die Vögel und die bunten Menschen

Bleibt der Naturschutz, und hier wird es ernst. Das Umweltministerium warnte vor Störungen der Vögel im Nationalpark Wattenmeer und vor einem „massiven baulichen Eingriff in das Watt und die Salzwiesen“. Das ist ein berechtigter Punkt. Das Wattenmeer ist Weltnaturerbe, und niemand will dort eine zweite Fahrbahn aufschütten.

Der Biologe Lothar Koch erklärte das Problem genauer: An Züge könnten sich Vögel gewöhnen. Nicht aber an „unberechenbar gestikulierende, wackelnde, lärmende und bunte Radfahrer“.

Diesen Satz sollte man sich einrahmen. Er beschreibt den deutschen Freizeitradler präziser als jede Verkehrsstudie. Und er wirft eine interessante Frage auf: Wie ist es um die Nerven einer Ringelgans bestellt, die seit Jahrzehnten den Autozug vorbeirollen sieht, beladen mit Geländewagen, Dachboxen und Golfbags? Daran hat sie sich gewöhnt. An eine Rentnerin aus Bredstedt in Funktionsjacke aber nicht.

Womöglich ist die Sorge gar nicht das Rad, sondern die Farbe der Jacke. Dann ließe sich das regeln. Eine Kleiderordnung für den Damm, gedeckte Töne, keine Gesten. Die Sylter hätten damit vermutlich weniger Probleme als gedacht.

Ein Plädoyer für elf Kilometer Freiheit

Uli König hat 2016 festgestellt, die Landesregierung habe „keine einzige stichhaltige Begründung“ genannt. Das ist vielleicht etwas streng. Begründungen gab es viele. Geprüft wurde keine. Ein Gutachten zu Abständen, Wind oder Rettungskonzept? Nicht bekannt. Eine Machbarkeitsstudie? Soweit bekannt, nie beauftragt. 2017 flogen die Piraten aus dem Landtag, und mit ihnen verschwand die Idee aus dem Plenarsaal. Nicht aber aus den Köpfen.

Denn die Idee ist gut. Andere Länder bauen Radwege über Meeresarme, Dämme und Deiche und führen Touristen stolz darüber. Die Niederländer haben darüber nie lange diskutiert. Sie haben einfach angefangen.

Niemand verlangt, morgen den Bagger ins Watt zu schicken. Verlangt wird nur, die Frage ernsthaft zu prüfen: mit der Bahn, dem Nationalpark, dem Kreis und der Insel an einem Tisch. Mit Zahlen statt Tideströmungen. Mit einem Gutachten statt eines Teufels im Detail.

Bis dahin bleibt der Hindenburgdamm, was er ist: der gefährlichste Radweg Deutschlands. Unfallfrei seit fast hundert Jahren. Weil ihn nie jemand bauen durfte.

Quellen

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Empfehlungen von Taboola. Diese Inhalte stammen nicht von der Sylt1-Redaktion.