Flach hinlegen, wenn Licht kommt: Zwei verbotene Nächte auf dem Hindenburgdamm
Leser Halvor Jochimsen ist 1955 mit dem Fahrrad über den Damm geflohen. Wir sind dreißig Jahre später mit dem Crossmotorrad hinterher. Gelernt hat aus beiden Geschichten niemand etwas, schön sind sie trotzdem. Und ein Fahrradweg nach Sylt oder auf das Festland wäre wünschenswert.
Manchmal bekommen wir Post, bei der in der Redaktion alle still werden und dann anfangen, selbst zu erzählen. So ging es uns mit dem Brief von Halvor Jochimsen. Wir drucken ihn ungekürzt ab.
Nachts mit dem Fahrrad über den Hindenburgdamm
Ein Leserbrief von Halvor Jochimsen
„Als 15-Jähriger habe ich 1955 in Rantum gezeltet. Im Sommer 2026 habe ich bei einer Radtour auf Sylt den Ort wiedergefunden: der Zeltplatz lag in den Dünen – heute unvorstellbar – vor den ehemaligen Kasernen, heute Schullandheim u.a. Mein Freund Wolf und ich waren aus Hamburg mit dem Rad hingefahren. Das machten Jugendliche aus Geldmangel und Abenteuerlust damals.
Als der Urlaub nach zwei Wochen zu Ende war, gaben wir das Zelt als Paket nachmittags bei der Post ab, um es nach Hause zu schicken. Allerdings stellten wir am Bahnhof fest, dass der letzte Zug bereits abgefahren war. Was nun? Ohne Zelt! Wir entschlossen uns, mit dem Rad über den Damm zu fahren.
Das ging anfangs auch ganz gut, weil direkt neben den Gleisen ein schmaler Gehweg war. Allerdings hatte die Bahn gemeinerweise alle 50 m kleine Schotterhaufen abgeladen, vermutlich um das Radfahren zu hindern. Aber irgendwann endete auch dieser Weg und es wurde dunkel. Wir schoben nun die Räder auf den Basaltblöcken unterhalb der Trasse. Als dann doch ein Zug (vermutlich Güterzug) kam, legten wir uns und die Räder flach hin und verdeckten die hellen Gesichter. Das kannten wir ja aus den Cowboygeschichten.
Auf dem Damm gab es (nur damals?) ein Streckenwärterhäuschen, vielleicht war es auch eine Ausweichstelle. Als wir mit unseren klappernden Rädern den Posten passierten, trat der Bahnwärter aus der Tür, stand im Gegenlicht seiner Hütte und putzte seine Schuhe. Wir blieben im Dunkeln mucksmäuschenstill stehen. Sonst klapperten die Töpfe am Rad. Irgendwann verschwand der Mann.
Nach einiger Zeit tauchten auf dem Festland starke Lichter auf. Es war die Baustelle des Friedrich-Lübke-Koogs. In einer Baracke war noch Licht. Sehr freundliche Arbeiter gaben uns eine warme Suppe zur Stärkung. Zuerst über Weiden mit schlafenden Schafen, dann über matschige Wege erreichten wir das Straßennetz Richtung Süden nach Hamburg. Ich erinnere die Nachtfahrt durch die Dörfer bei lauem Sommerwetter. Wir schreckten allerdings zuerst stets auf, wenn irgendwo Ketten klirrten. Aber es waren nur Kühe, die damals noch in Anbindeställen gehalten wurden. Nach langer Pause in einem Heudiemen in der Mittagshitze erreichten wir Hamburg.
Übrigens: auch ich und mein e-Bike würden sich über einen Radweg nach Sylt freuen.“
Halvor Jochimsen
Morsum, irgendwann in den Achtzigern
Beim Lesen mussten wir grinsen, denn wir kennen den Damm ebenfalls aus einer Perspektive, die die Bahn nicht vorgesehen hat. In den Achtzigern sind wir mit Crossmotorrädern von Morsum aus aufs Festland gefahren. Ziel war das Domino in Niebüll, eine Großraumdiskothek, die für Sylter Jugendliche leider auf der falschen Seite des Wassers lag.
Es wurde ein wildes Wochenende. Einer von uns landete samt Maschine kopfüber im Güllegraben. Mitten auf dem Hindenburgdamm kamen uns dann Scheinwerfer entgegen. Wir dachten an die Polizei und legten uns flach hin, genau wie Halvor Jochimsen dreißig Jahre vor uns. Viel Hoffnung hatten wir dabei nicht: Wenn die Polizei schon aus Richtung Niebüll kam, warteten ihre Kollegen in Morsum sicher bereits auf uns.
Es war ein Autofahrer, der denselben verbotenen Weg genommen hatte und dem das Benzin ausgegangen war. Wir haben ihm zwei Liter aus unseren Tanks verkauft, für 120 Mark. An der Tankstelle kostete der Liter Super damals je nach Jahr zwischen gut einer und knapp anderthalb Mark. Die Arbeiter im Koog haben 1955 eine Suppe verschenkt, wir haben 1980-irgendwas mindestens das Vierzigfache verlangt. Die Geschichte der Gastfreundschaft auf dem Hindenburgdamm hat also Höhen und Tiefen.
Bitte nicht nachmachen
Der Hindenburgdamm ist seit 1927 eine reine Bahnstrecke, rund elf Kilometer lang, und das Betreten der Gleisanlagen ist verboten und lebensgefährlich. Züge fahren heute deutlich häufiger als 1955, und wer sich flach hinlegt, wird vom Lokführer trotzdem nicht rechtzeitig gesehen. Beide Geschichten sind gut verjährt und sollen es bleiben.
Den Wunsch nach einem Radweg teilen wir übrigens. Unsere Crossmaschinen hätten wir damals auch gern ganz offiziell mitgebracht.
Vielen Dank für Ihren Brief, Herr Jochimsen. Wer selbst eine Geschichte vom Damm, von der Fähre oder aus dem letzten Zug hat, darf uns gern schreiben.
Den Soundtrack dazu findet ihr auf unserem Inselradio www.sylt1audio.de und unsere Bücher mit Geschichten über die Insel auf sylt1shop.de
Foto: Halvor Jochimsen / privat
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