Mancher Leser mag sich fragen: „Haben die auf ihrer Seite kein anderes Thema als die Marschbahn?“ Die Antwort ist ein klares: Doch, hätten wir – wenn die Bahn uns ließe. Aber über die Marschbahn zu berichten, ist für uns mittlerweile wie das tägliche Wetter-Update oder das Gemecker über die Preise in der Sansibar: Es gehört zur Sylter Folklore einfach dazu. Es ist eine „Neverending Story“, ein episches Drama in unendlich vielen Akten, bei dem das Publikum zwar jedes Mal die Augen verdreht, aber trotzdem wissen will, wie die heutige Folge von „Mensch gegen Schiene“ ausgegangen ist. Solange die Strecke uns täglich mit neuen, kreativen Pannen-Anekdoten füttert, bleiben wir dran. Wir sehen es als eine Art therapeutische Begleitung für alle Leidensgenossen – denn geteiltes Leid ist, wie man auf der Marschbahn weiß, zumindest ein etwas wärmerer Platz auf dem Waggonboden.
Es ist 6:11 Uhr auf dem Festland, die Kälte kriecht in die Knochen, und die Anzeige am Bahnsteig verkündet das gewohnte Urteil: Totalausfall. Wer auf der Marschbahn pendelt, hat das Fluchen längst gegen eine stoische Ruhe eingetauscht, die man sonst nur aus buddhistischen Klöstern kennt. Doch die Deutsche Bahn (oder wer auch immer heute an den Hebeln sitzt) weiß, dass Routine langweilig ist. Und so kam der 6:41 Uhr Zug tatsächlich pünktlich – ein fast schon verdächtiger Moment der Hoffnung.
Doch der erfahrene Pendler weiß: Wenn ein Zug pünktlich kommt, ist irgendwo ein Haken. Diesmal war es ein „nicht betreibbarer“ Waggon. Warum? Das bleibt natürlich das süße Geheimnis der Technik. „Die denken sich immer wieder was neues aus“, kommentierte ein Mitreisender trocken das Szenario. Und er hat recht. Es ist diese kreative Unberechenbarkeit, die den Weg zur Arbeit auf Deutschlands bekannteste Insel zu einem täglichen Survival-Training macht.
Das Ergebnis: Ein ohnehin schon voller Zug schluckte die gestrandeten Passagiere der Vorverbindung. Da einer der großen Wagen kurzerhand zum Sperrgebiet erklärt wurde, verwandelten sich die Gänge in eine Mischung aus Sardinenbüchse und Yoga-Retreat für Fortgeschrittene. Wer keinen Platz auf dem Boden fand, übte sich im Stehen in maximaler Körpernähe zu wildfremden Menschen.
Man könnte fast meinen, es handele sich um ein geheimes Sozialexperiment zur Belastbarkeit der schleswig-holsteinischen Arbeitnehmerschaft. Während die Politik über Mobilitätswenden philosophiert, sitzen die Menschen, die den Laden auf der Insel am Laufen halten, auf dem Boden eines maroden Waggons und hoffen einfach nur, dass heute nicht noch mehr „kreative Ideen“ seitens der Technik dazukommen. Die Marschbahn bleibt eine Neverending Story – leider ohne Happy End, dafür mit sehr vielen Sitzplätzen auf dem Linoleum.
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