Keitum/Westerland. Es ist ein Wagnis, das Claude Frochaux im Sommer 2026 eingeht. Wenn der künstlerische Leiter des Kammermusikfests Sylt (KmfSylt) vom 25. bis 30. Juli zur 14. Ausgabe des Festivals lädt, steht ein Thema im Raum, das oft missverstanden wird: die Kindheit. Doch wer nun an Blockflötenkonzerte und einfache Melodien für die Kleinsten denkt, irrt gewaltig. Frochaux plant keine Kinderbelustigung, sondern eine psychologische Tiefenbohrung mit dem Cello.
Das Festival verspricht eine Reise in jene „Seelenlandschaften“, die wir als Erwachsene oft verdrängt haben. Es geht um die radikale Naivität, das grenzenlose Staunen, aber auch um die Monster unter dem Bett – jene Urängste und die Verletzlichkeit, die jeden Anfang begleiten. Musikalisch übersetzt bedeutet dies ein Programm zwischen Wiegenlied und traumatischem Erwachen, zwischen Märchenwelt und melancholischer Rückschau.
Ein besonderer Coup ist den Machern mit der Verpflichtung von Pēteris Vasks gelungen. Der lettische Komponist, eine lebende Legende des Baltikums, wird 2026 seinen 80. Geburtstag auf der Insel feiern. Vasks, dessen Musik oft wie ein Gebet an die Natur klingt, bringt ein neues Auftragswerk mit nach Sylt. Seine Anwesenheit als „Composer in Residence“ dürfte perfekt zur rauen Kulisse des Weißen Kliffs oder der Akademie am Meer passen – Orte, an denen seine mystischen Klänge den Wind und die Wellen nicht übertönen, sondern begleiten wollen.
Dass Kammermusik nicht verstaubt sein muss, beweist auch die Besetzung: Mit Daniel Rowland an der Violine oder Pablo Barragán an der Klarinette kommt internationale Exzellenz auf die Insel. Und um die Zukunft des Publikums muss sich das Festival wohl keine Sorgen machen: Dank einer großzügigen Regelung erhalten alle unter 30 Jahren freien Eintritt. Eine Einladung an die nächste Generation, sich auf das Wagnis Klassik einzulassen – ganz ohne elitäre Schwellenangst, vielleicht sogar „To Go“ an ungewöhnlichen Orten.
Der Vorverkauf startet im Frühjahr 2026. Es empfiehlt sich, wachsam zu sein – Plätze für die Reise in die eigene Vergangenheit sind begehrt.




