Es gibt unverrückbare Konstanten im Universum: Die Schwerkraft, die Lichtgeschwindigkeit – und die Tatsache, dass der Fahrplan der Deutschen Bahn auf der Marschbahn das Reich der harten Fakten längst verlassen hat. Er ist mittlerweile eine reine Idee. Ein abstrakter, philosophischer Ansatz, über den man trefflich diskutieren kann, der aber mit der Realität so viel zu tun hat wie ein Pinguin mit Sonnenbrand.
Seit nunmehr neun Tagen beweist die Bahn auf der Strecke Richtung Sylt eindrucksvoll, dass Abfahrtszeiten eigentlich nur gut gemeinte, unverbindliche Leseempfehlungen sind. Züge fallen reihenweise aus. Wer das unglaubliche Glück hat, dass tatsächlich einmal pro Stunde ein roter Waggon am Bahnsteig hält, darf sich auf ein intimes Erlebnis der besonderen Art freuen: Er ist komplett überfüllt.
Wellness-Sauna und der Wacken-Sprint von Klanxbüll
Die kleinen Nebengeschichten dieser Tage schreiben das Drehbuch für eine exzellente Tragikomödie. Am Vorabend durften die Fahrgäste noch ein kostenloses Extrem-Wellness-Programm genießen: Die Klimaanlage kapitulierte, was den Waggon binnen Sekunden in ein tropisches Feuchtbiotop verwandelte. Schweißüberströmt in Rekordzeit – wer braucht da noch teure Spa-Besuche auf der Insel?
Doch das absolute Glanzstück dieses neuntägigen Meisterwerks ereignete sich am Samstagabend. Nachdem ein Zug komplett ausfiel, rollte der nächste zwar an (natürlich verspätet), hatte aber in etwa die Bevölkerungsdichte von Tokio zur Rushhour. Die Reise endete abrupt in Klanxbüll. Wer von hier aus weiter wollte, durfte an einem spontanen sportlichen Großereignis teilnehmen.
Als am Horizont zwei – in Zahlen: zwei – Linienbusse der Nordfriesischen Verkehrsbetriebe (NFV) auftauchten, spielten sich am Bahnhof tumultartige Szenen ab. Es glich exakt dem Moment, in dem die Tore zum Wacken-Festival geöffnet werden: Hunderte Menschen sprinteten in einem wilden Pulk auf die Busse zu. Moshpit um einen Sitzplatz inklusive.
Gefangen im Bermuda-Dreieck der Mobilität
Natürlich reichte das Platzangebot der NFV, die auf diesen epischen Ansturm sichtlich nicht vorbereitet war, nicht annähernd für alle Gestrandeten aus. Was tut der moderne Reisende in so einer Situation? Richtig, er ruft pragmatisch ein Taxi nach Niebüll. Eine brillante Idee, die leider an einem winzigen Detail scheitert: Klanxbüll ist ungefähr so reich an Taxis wie die Antarktis an Palmen. Es gibt schlichtweg keine.
Die logische Alternative? Einfach entspannt auf den nächsten Bus warten. Der fährt glücklicherweise auch schon bald – nämlich pünktlich am nächsten Morgen.
Die Definition des „Neuen Normbereichs“
Und heute Morgen? Der Wahnsinn zieht sich wie ein verlässlicher roter Faden durch den Sonntag. Die Züge fielen teils schon wieder aus. Wer den Sprung vom Festland auf die Insel wagte, musste extrem intensiven, völlig ungefragten Körperkontakt zu seinen Mitreisenden in Kauf nehmen. Verspätungen von 40 Minuten regen hier niemanden mehr auf. Sie sind der neue Normbereich. Wer nach nur 40 Minuten Wartezeit in einen Zug gequetscht wird, hat eigentlich einen guten Tag erwischt.
Eine Ode an die Pendler
An dieser Stelle muss ein virtuelles Denkmal errichtet werden: Für die Pendlerinnen und Pendler der Marschbahn. Mit einem geradezu übermenschlichen Durchhaltewillen, einer stoischen Ruhe und einem pechschwarzen, messerscharfen Sarkasmus ertragen sie diese tägliche Odyssee. Ihr habt längst verstanden, dass der Weg das eigentliche Ziel ist – vor allem, weil man ohnehin nie pünktlich ankommt. Ihr feiert das Chaos mit Galgenhumor und macht das Beste aus der „philosophischen Auslegung“ eurer Reisezeiten. Chapeau für diese Nerven aus Stahl!
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