Der Weiher im Friedrichshain soll verschwinden. Die Gemeinde nennt seine Instandhaltung technisch zu aufwendig. Die Frage, warum er überhaupt in diesen Zustand geraten konnte, stellt niemand. Ein kleines Gewässer im Norden von Westerland, unweit des früheren Waldidylls, mit Bänken am Rand. Anwohner kommen seit Jahren hierher, um die Enten zu füttern. Jetzt ist beschlossen, dass es das nicht mehr geben soll. Ortsbeirat Westerland und Umweltausschuss haben sich nach erneuter Beratung für die Verfüllung des Teiches im Friedrichshain ausgesprochen. Einen Zeitplan gibt es nicht, die naturschutzrechtliche Prüfung läuft noch, aber die Richtung steht.
Die Begründung der Gemeinde ist in wenigen Sätzen erzählt, und sie klingt sachlich: Ursprünglich sollte der Teich saniert werden, vor allem wegen des seit Jahren zu niedrigen Wasserstands und der schlechten Nährstoffwerte. Weitere fachliche Prüfungen hätten dann ergeben, dass eine Instandhaltung technisch sehr aufwendig wäre. Also: kein Erhalt, sondern Beseitigung.
Genau an diesem Punkt lohnt sich der Blick zurück statt nach vorn.
„Seit Jahren“ steht in der Begründung der Gemeinde
Die Verwaltung liefert das entscheidende Wort selbst mit. Der Wasserstand ist nicht seit letztem Sommer zu niedrig, er ist es seit Jahren. Auch die Nährstoffwerte sind über einen längeren Zeitraum schlecht geworden. Beides hat sich entwickelt, über eine Dauer, in der man hätte eingreifen können.
Dazu kommt ein Datum, das in der offiziellen Darstellung nirgends auftaucht: Im Zuge der Sanierung der Waldhütte wurde der Teich 2018 entschlammt und neu gestaltet. Vor acht Jahren hat die Gemeinde also Geld in die Hand genommen, das Gewässer ausgebaggert und hergerichtet. Wer heute erklärt, die Instandhaltung sei technisch zu aufwendig, müsste zuerst erklären, was in diesen acht Jahren an Instandhaltung tatsächlich stattgefunden hat. Eine Entschlammung wirkt nur so lange, wie die anschließende Pflege sie trägt. Wird sie einmal bezahlt und danach nichts mehr getan, ist am Ende lediglich eine Frist verlängert worden.
Der Regen kommt nicht mehr an
Wer heute am Rand des Weihers steht, sieht das eigentliche Problem, sobald er den Blick vom Wasser hebt. Große Äste, Baumstämme – offensichtlich nicht unbearbeitet, von irgendwem in den Weiher geworfen.
Die Zuläufe sind zugewachsen. Gräben, Mulden und Einläufe, die dem Teich sein Oberflächenwasser bringen sollen, verschwinden unter Laub, Wurzelwerk und Aufwuchs. An diesen Strukturen ist über lange Zeit sichtbar nichts gemacht worden.
Auf Sylt entscheidet genau das über Sein oder Nichtsein eines solchen Gewässers. Der Untergrund hier ist Sand. Wasser, das nicht gezielt geführt wird, versickert, bevor es irgendwo ankommt. Ein Weiher in dieser Landschaft lebt davon, dass ihm Niederschlag über funktionierende Zuläufe zugeführt wird. Sind diese Zuläufe dicht, nützt der stärkste Landregen nichts. Er fällt, er läuft irgendwohin, er verschwindet im Boden. Der Wasserstand im Teich bewegt sich dabei kaum. Genau das erleben Anwohner seit Jahren, und es erklärt einen dauerhaft zu niedrigen Wasserstand weit besser als der Verweis auf trockene Sommer.
Der zweite Mechanismus arbeitet parallel. Ein Weiher, der von altem Laubwald umstellt ist, bekommt jedes Jahr eine Ladung Blattmasse, die sich am Grund zu Faulschlamm zersetzt. Die Sohle steigt, das Wasservolumen schrumpft, die Nährstofffracht steigt. Damit beschreibt auch die zweite Begründung der Gemeinde ein Symptom: Schlechte Nährstoffwerte sind das erwartbare Ergebnis jahrelang unterbliebener Entschlammung und Randpflege.
So entsteht ein Kreisschluss. Der Zustand, der jetzt als Argument für die Beseitigung dient, ist derselbe Zustand, den fehlende Unterhaltung erzeugt. Wer ein Gewässer lange genug nicht pflegt, muss es irgendwann nicht mehr verteidigen. Es hat sich dann von allein erledigt.
Die Reihenfolge
Bemerkenswert ist auch, was die Verwaltung nach eigener Auskunft derzeit prüft. Bei den laufenden internen Abstimmungen spielten „insbesondere naturschutzrechtliche Fragen sowie die künftige Oberflächenentwässerung eine zentrale Rolle“.
Beides ist richtig. Beides kommt zu spät. Die Oberflächenentwässerung wird jetzt für die Zeit nach dem Teich untersucht, obwohl sie schon davor die entscheidende Größe war. Wenn die Verwaltung nun ermitteln muss, wohin das Wasser künftig soll, dann bestätigt sie damit, dass hier Wasser anfällt. Warum dieses Wasser über Jahre nicht mehr im Weiher landete, wäre der Prüfauftrag gewesen, den es vor dem Beschluss gebraucht hätte.
Ähnlich beim Naturschutz: Erst hat die Politik die Verfüllung beschlossen, danach wird geklärt, ob und unter welchen Auflagen sie zulässig ist. Der rechtliche Rahmen wiegt dabei schwer. § 30 des Bundesnaturschutzgesetzes stellt naturnahe Bereiche stehender Binnengewässer ebenso unter Schutz wie Röhrichte und Sümpfe; Handlungen, die zu einer Zerstörung oder erheblichen Beeinträchtigung führen, sind verboten, eine Ausnahme setzt einen Antrag und einen Ausgleich voraus. Ob der Weiher als naturnah in diesem Sinne einzustufen ist oder als angelegtes Parkgewässer, ist offen. Zu entscheiden hat das die Untere Naturschutzbehörde des Kreises Nordfriesland. Hinzu kommt der Artenschutz: Nach Schilderung von Anwohnern sind derzeit noch nicht flugfähige Entenküken und Teichrallen auf das Gewässer angewiesen. Die Anwohner sind angefressen, denn trotz der vielen Ferienwohnungen in der Apenrader, Kolding und Haderslebener Straße und nördlich des Hains, wohnen viele ältere Insulaner, für die der Verlust des Rückzugsortes nicht gutzumachen wäre . Die Bank am Teich, gespendet von der Siedlungsgemeinschaft.
Die offenen Fragen
Was hat die Entschlammung 2018 gekostet, und welches Pflegekonzept wurde damals mitbeschlossen? Welche Unterhaltungsmaßnahmen am Teich und an seinen Zuläufen sind seither Jahr für Jahr tatsächlich ausgeführt und abgerechnet worden? Wer war zuständig? Existiert ein hydrologisches Gutachten, das die Speisung des Gewässers und den Zustand der Zuläufe erfasst, oder stützt sich das „technisch sehr aufwendig“ auf eine Kostenschätzung ohne Ursachenanalyse? Und in welcher Sitzung, mit welcher Vorlage, ist die Verfüllung erstmals als Variante aufgetaucht? Warum wird die Bevölkerung nicht gefragt, inwieweit sind Privatinitiativen erwünscht?
Solange diese Fragen offen sind, trägt der Beschluss die Last, ein jahrelanges Versäumnis nachträglich zu legitimieren.
Quuelle: SHZ
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