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Sylt – Berlin: Das Krabbenbrötchen war nicht schuld, Herr Sack

Sylt - Berlin: Das Krabbenbrötchen war nicht schuld, Herr Sack
Foto: Redaktion
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Ein Berliner Kolumnist sucht im KaDeWe für 14,95 Euro seine Nordsee-Kindheit und findet sie nicht. Eine Antwort von der Insel – samt der Nachricht, dass es auf Sylt billiger ist.

Am Sonntag hat der WELT-Kolumnist Adriano Sack sich etwas gegönnt. Ein Nordseekrabbenbrötchen, gekauft in der sechsten Etage des Berliner KaDeWe, 14,95 Euro, Weizen, ohne Remoulade. Er hat es mit nach draußen genommen, sich in den Schatten einer Bio-Currywurstbude gesetzt und hineingebissen. Und dann kam sie nicht: die Erinnerung an Sommerurlaube auf Sylt und Langeoog, an das jodhaltige Klima, die Strandburgen, das Dauerfrösteln. Stattdessen kam eine Wespe, und der Gedanke, ob diese Krabben zum Pulen nach Marokko gefahren waren.

„Früher war mehr Sylt“, lautete die Überschrift. Von hier aus, mit Blick in die richtige Richtung, würden wir vorsichtig widersprechen. Es war weniger Sylt. Und zwar ungefähr fünfhundert Kilometer weniger.

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Zuerst das Preisschild

Fangen wir mit der Nachricht an, die uns selbst überrascht hat: Ein Krabbenbrötchen kostet auf Sylt derzeit zwischen 8,50 und 12 Euro. Auf der Insel, die im Ruf steht, dass hier selbst die Luft aufschlägt. In Hamburg und an der Lübecker Bucht ist die Fünfzehn-Euro-Marke inzwischen gefallen, im KaDeWe kostet das Stück 14,95 Euro.

Das hat handfeste Gründe. Die großen Sylter Fischhändler kaufen über gewachsene Beziehungen zu Erzeugergemeinschaften in Büsum und Dänemark, sie haben eigene Kühlhäuser, und sie federn Preisschwankungen ab, bevor sie an der Theke ankommen. Gepultes Krabbenfleisch liegt im Großhandel bei bis zu 100 Euro je Kilo. Wer das umgehen will, kauft ungepulten Granat am Hafenstand, 15 bis 28 Euro das Kilo, und pult selbst. Das dauert. Das ist der Punkt.

Herr Sack hat also für sein Brötchen einen Aufschlag von rund fünfzig Prozent gezahlt, verglichen mit der teuersten Insel der Republik. Dafür bekam er eine Wespe und eine Currywurstbude.

Er hat in zwei Dingen recht

Erstens: Nordseekrabben sind streng genommen Garnelen. Crangon crangon, der Sandgarnele. Wer das auf Sylt anmerkt, erntet ein Nicken und dann ein Achselzucken, weil sie hier trotzdem Krabben heißen und das auch so bleiben wird.

Zweitens, und das ist der ernstere Punkt: Die Frage nach Marokko ist berechtigt. Ein erheblicher Teil der Nordseekrabben verlässt nach dem Fang tatsächlich Europa, wird in Nordafrika von Hand gepult und kommt zurück. Es ist eine der absurderen Lieferketten unseres Kontinents, sie hat mit Lohnkosten zu tun und mit der Tatsache, dass eine Maschine, die eine drei Zentimeter lange Garnele so schonend pult wie ein Daumennagel, bis heute nicht überzeugend existiert. Wer darüber nachdenkt, während er kaut, dem schmeckt es schlechter. Das ist keine Empfindlichkeit, das ist Aufmerksamkeit.

Und in einem Punkt irrt er

Die Butter. Er hat sie vermisst, und sie hat ihm gefehlt, weil sie fehlte. Ein Krabbenbrötchen ohne Butter ist ein trockenes Missverständnis. In den Kommentaren unter seinem Text hat ein Leser das Ganze gleich ganz aufgelöst: Krabben gehören auf Schwarzbrot, mit Butter, Rührei und einem Spritzer Zitrone. Ein anderer dichtete Goethe um, „wer nie sein Krabbenbrötchen mit Tränen aß“, und traf damit den Ton des ganzen Nachmittags.

Der eigentliche Denkfehler steckt aber tiefer, und er steckt bei Proust. Dessen Madeleine funktionierte in Paris, nicht in Combray – die Erinnerung reiste also durchaus. Sie reiste nur deshalb, weil das Gebäck dasselbe war: dieselbe Form, derselbe Lindenblütentee, dieselbe Tante. Ein Weizenbrötchen aus einer Food-Halle, in der es bei den Fahrstühlen nach Fisch riecht, ist nicht dasselbe Objekt wie ein Brötchen aus einer Bude am Hafen. Es ist nur derselbe Name.

Was in der Erinnerung wirklich drin war

Wer ehrlich in sein Kindheits-Krabbenbrötchen hineinschaut, findet darin nämlich vor allem: Wind. Salz auf der Haut, das nach dem Baden trocknet. Möwen, die frech genug sind, es einem aus der Hand zu holen. Sand zwischen den Zähnen, der da nicht hingehört und trotzdem dazugehört. Eltern, die noch entschieden haben, wann man nach Hause geht. Und das Frösteln, das Herr Sack völlig richtig erinnert, weil es untrennbar dazugehört.

Nichts davon ist im Brötchen. Alles davon ist am Ort.

Eine Einladung

Falls es tröstet: Auf der Insel ist von Sylt noch reichlich da. Der Wind steht die meiste Zeit von West. Es gibt Buden, in denen die Butter selbstverständlich ist und die Remoulade auf Nachfrage. Und es gibt, das ist die vielleicht überraschendste Erkenntnis dieses Sommers, ein Krabbenbrötchen zum Berliner Vor-Corona-Preis.

Wir würden vorschlagen: nicht im Schatten der Currywurstbude. Sondern am Hafen, mit dem Rücken zum Wind, Schwarzbrot statt Weizen, Butter drunter, Zitrone drüber. Und dann in Ruhe abwarten, ob die Erinnerung kommt.

Sie kommt. Sie hat nur nie in Berlin gewohnt.

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Empfehlungen von Taboola. Diese Inhalte stammen nicht von der Sylt1-Redaktion.