Wer durch die Dorfmitte von Kampen spaziert, passiert ein kleines, denkmalgeschütztes Friesenhaus mit Reetdach, das auf den ersten Blick unscheinbar wirken mag. Ein handgefertigtes Schild nennt den Namen: Esel. Wer eintritt, betritt keinen gewöhnlichen Laden — sondern eine Welt, in der avantgardistischer Schmuck auf Kunstobjekte trifft, in der handwerkliche Präzision auf poetische Leichtigkeit stößt, und in der ein guter Witz über Ziegen und Melkschämel mitschwingt. Die Galerie Esel ist in vielerlei Hinsicht das, was Kampen immer schon war: ein Ort für Menschen, die ihren eigenen Instinkten folgen. Hier im Video waren wir zu Besuch
Eine Idee, ein Handschlag, ein Laden
Die Geschichte der Galerie Esel beginnt, wie gute Geschäftsideen oft beginnen: spontan, ungeplant und über einem guten Mittagessen. Alexander Hornemann — Sohn des legendären Goldschmieds Georg Hornemann und Mitleiter des gleichnamigen Ateliers — war gemeinsam mit Jenny Zimmerer-Röseler in Kampen zum Lunch unterwegs. Ihr Tisch im Restaurant lag gegenüber eines kleinen Eckhauses, das leer stand und einen Mieter suchte. Es war Jenny Zimmerer-Röseler, die in jenem Moment die Idee formulierte: Warum nicht hier, in diesem zauberhaften Raum, den Schmuck des Ateliers Georg Hornemann präsentieren?
Gesagt, getan. Per Handschlag wurde die Sache besiegelt, noch am selben Nachmittag. Im April 2022 öffnete die Galerie Esel ihre Türen — und ergänzte damit die beiden anderen Standorte des Ateliers Hornemann auf der Königsallee in Düsseldorf und am Kurfürstendamm in Berlin um ein drittes, ganz eigenes Kapitel. Die Sylter Dependance sollte kein bloßer Ableger werden, sondern ein eigener Ort mit eigener Seele.
Das Haus: Denkmal mit Atmosphäre
Das Gebäude selbst ist bereits ein Exponat. Das kleine Friesenhaus an der Alten Dorfstraße 2 steht unter Denkmalschutz — und genau das macht es so besonders. Die niedrige Reetdachdecke, die weißen Kalkwände, die tiefen Fensterlaibungen: all das schafft eine Intimtät, die großen Galerie-Kuben schlicht fehlt. Man ist sofort nah am Objekt, nah an der Handarbeit, nah am Material.
Die Einrichtung spielt mit diesem Rahmen, anstatt gegen ihn zu arbeiten. Klassische Vitrinen sucht man vergebens. Stattdessen hängen reetgedeckte Glaskuben von der Decke und schweben vor den Fenstern — eine elegante Lösung, die das Material des Hauses aufgreift und gleichzeitig die Schmuckstücke in Szene setzt, als lägen sie in der Luft. An der Eingangstür säumen in Bronze gegossene Leuchtturm-Lampen den Eingang, entstanden in Zusammenarbeit mit der Bildhauerin Olivia Berckemeyer, bekannt für ihre Wachs-Skulpturen. Sie sind nicht nur Beleuchtung, sondern Kunst — und sie setzen die Tonalität der Galerie von der ersten Sekunde an.
Georg Hornemann: Ein halbes Jahrhundert Goldschmiedekunst
Im Mittelpunkt der Galerie steht das Werk des Ateliers Georg Hornemann — und damit das Lebenswerk eines der bedeutendsten Goldschmiede und Schmuckdesigner der Gegenwart. Georg Hornemann, seit den späten 1960er-Jahren international tätig, hat in mehr als fünf Jahrzehnten weltweit nahezu alle bedeutenden Auszeichnungen für herausragende Schmuckgestaltung gewonnen. Sein Schaffen hat den Stil des europäischen Schmuckdesigns nachhaltig beeinflusst.
Was die Arbeit des Ateliers auszeichnet, ist eine Haltung: Schmuck als künstlerisches Objekt, nicht als bloßes Accessoire. Jedes Stück ist Handarbeit, jedes Stück folgt einem eigenständigen ästhetischen Kurs, der sich weder Moden noch Trends beugt. Avantgarde, Präzision, Material — diese drei Koordinaten bestimmen die Kollektion, die in Kampen in wechselnder Auswahl präsentiert wird. Seit über 30 Jahren leitet Georg Hornemann das Atelier gemeinsam mit seinem Sohn Alexander, der heute das kreative und unternehmerische Gesicht des Hauses ist.
Der Name: Ein Tier, das sich nicht beirren lässt
Warum heißt die Galerie Esel? Das Atelier Georg Hornemann verfolgt seit seiner Gründung einen eigenen kreativen Kurs — unbeirrt, konsequent, mit Humor. Der Name ist in Anlehnung an den berühmten Ziegenstall von Valeska Gert gewählt und vielleicht ein wenig an die Unbeirrbarkeit und Geduld des Esels.
Der Geist des Ziegenstalls lebt weiter
Wer die Geschichte Kampens kennt, denkt beim Betreten der Galerie Esel unweigerlich an eine andere Ikone des Ortes: den Ziegenstall von Valeska Gert. Die Tänzerin, Schauspielerin und Jahrhundertkünstlerin — eine der radikalsten Figuren des 20. Jahrhunderts — eröffnete 1951 in einem kleinen Friesenhaus in der Dorfmitte von Kampen das bizarrste Lokal, das die Insel je gesehen hatte.
Melkschämel statt Barhocker, Heuballen statt Sofas, ein Schild am Eingang: „Zutritt nur für Verrückte.“ Das Servicepersonal bestand aus Künstlern, Tänzern und angehenden Schauspielerinnen, die zwischen Gin-Runden Gedichte rezitierten und Chansons sangen. Tennessee Williams hätte hier kellnern können — in New York, in der legendären Beggar Bar von Valeska Gert, tat er es tatsächlich.
Der Ziegenstall existiert nicht mehr. Werner Höfer, dem Valeska Gert das Haus hinterließ, ließ ihn abreißen. Doch der Geist, den er verkörperte — das Unkonventionelle, das Eigensinnige, die Künstlerseele inmitten des mondänen Sylter Betriebs — der lebt fort. In der Galerie Esel, wenige Meter vom einstigen Standort des Ziegenstalls entfernt, findet er eine neue Form. Keine Bar, kein Kabarett, aber dasselbe Prinzip: ein Ort, der sich nicht beirren lässt.
Kampen als Ort des eigenwilligen Geistes
Kampen ist das kleinste der fünf Sylter Dörfer, aber seit Jahrzehnten das mit dem größten Namen. Die Whiskymeile, das Stroner Kliff, die Dünen — und eine Geschichte, die von Anfang an von Künstlern, Exzentrikern und Eigenbrötlern geprägt war. Expressionisten wie Emil Nolde zog es hierher. Schriftstellerinnen, Schauspieler, Intellektuelle machten den Ort zu einem Sommerdorf der Avantgarde, lange bevor er zum Synonym für Wohlstand und Schickeria wurde.
Die Galerie Esel erinnert daran, dass diese andere Seite Kampens nicht vergangen ist. Sie ist ein kleiner, feiner Gegenpol zum Glamour des Strönwai — nicht als Protest, sondern als Behauptung: dass Qualität, Haltung und Handwerk immer noch den Ton angeben können, wenn man nur darauf besteht.
Ein Laden, der sich selbst treu bleibt
Jenny Zimmerer-Röseler, die gebürtige Rheinländerin, die 2020 nach Sylt zog und die Galerie mitgegründet hat, beschreibt die ästhetische Faszination treffend: Es ist die Individualität und handwerkliche Präzision, die Schmuckstücke haben können — und die man in einem Massenmarkt schlicht nicht findet. Ganzjährig wird in der Esel Galerie eine wechselnde Auswahl präsentiert, kein Sortiment bleibt ewig dasselbe. Wer wiederkommt, findet Neues.
Und wer zum ersten Mal kommt, findet einen Ort, der sich nicht erklären muss. Der Esel über dem Eingang weiß, was er ist. Er schaut einen an mit diesem leicht schiefen Blick, der sagt: Ich weiß, wo ich hingehe. Und ich lasse mich von niemandem davon abbringen.
GALERIE ESEL — PRAKTISCHE INFORMATIONEN
Adresse: Alte Dorfstraße 2, 25999 Kampen auf Sylt
Öffnungszeiten: Montag bis Samstag, 11–18 Uhr und nach Vereinbarung
Kontakt: post@eselgalerie.de • +49 (0) 4651 / 2009650
Web: www.eselgalerie.de
Inhaltsverzeichnis
Toggle




