Die Diskussion um das Image unserer Insel ist mal wieder in vollem Gange. Ausgelöst durch ein Interview der SHZ mit der Tourismuschefin von St. Peter-Ording, die sich dankenswerterweise von den „Champagnerpartys“ auf Sylt distanziert, fühlen sich viele Insulaner missverstanden. Ein darauffolgender Kommentar eines großen regionalen Verlagshauses sprang auf den Zug auf und verteidigte tapfer die „norddeutsche Bodenständigkeit“ Sylts gegen das altbekannte Klischee. Das ist gut gemeint, sorgt bei uns auf der Insel aber verständlicherweise für ein leichtes Schmunzeln.
Die Realität spielt auf dem Platz
Aber lassen wir die mediale Selbstbetrachtung hinter uns. Wer das wahre, das ungeschminkte Sylt sucht, findet es ohnehin nicht in Zeitungsartikeln über sein Image. Man muss nur an einem beliebigen Samstagnachmittag zu einem der Sportplätze der Insel fahren. Dorthin, wo das Herz von Sylt schlägt.
Nehmen wir eine exemplarische Szene, wie sie sich an vielen Wochenenden abspielt: Kreisliga, der heimische SC Norddörfer empfängt eine Mannschaft vom Festland. Oder Kreisliga A-Jugend Team Sylt… Kein roter Teppich, keine Sponsorenwände – nur ehrlicher Fußball, kalter Wind und 90 Minuten purer Kampfgeist. Das Spiel wogt hin und her, bis tief in die Nachspielzeit hinein steht es unentschieden. Dann kommt der Moment, der den Amateurfußball so besonders macht: Ein Mittelfeldspieler, der sich bereits mit einer leichten Zerrung über den Platz schleppt, fasst sich ein Herz. Ein satter Schuss, der Ball schlägt unhaltbar zum Siegtreffer ein. Abpfiff. Der Jubel ist grenzenlos und authentisch.
Eine Frage der Perspektive
Spricht man nach dem Abpfiff mit dem Helden des Tages, hört man die pragmatische Stimme der Insel. Auf die Frage nach dem „wahren Sylt“ kommt oft eine Antwort wie: „Wat is‘ schon ‚wahr‘? Ich leb‘ hier, ich arbeite hier, und am Wochenende spiel‘ ich hier Fußball. Nachher gibt’s ’n Bier mit den Jungs. Wenn das nich‘ wahr ist, denn weiß ich’s auch nich‘.“
Vielleicht liegt genau hier die Antwort. Das Sylt des Handwerkers und Fußballers existiert nicht trotz, sondern auch wegen des luxuriösen Sylts. Fragt man den Spieler nach dem vermeintlichen Gegensatz zwischen Gummistiefeln und Champagner, erntet man oft ein Lachen: „Lasst die Leute doch ihren Champagner trinken. Ohne die ganzen feinen Herrschaften und ihre schönen Häuser, für die wir die Dächer decken, wäre hier doch auch nur ein besserer Sandhaufen mit Leuchtturm. Dann wären wir wie St. Peter-Ording. Und bei allem Respekt, wer will das schon?“
Diese pragmatische Sichtweise ist es, die unsere Insel ausmacht. Sylt ist eben beides: das glamouröse Aushängeschild und die Heimat bodenständiger Menschen. Das eine finanziert das andere. Anstatt uns also in Debatten über unser Image zu verlieren, sollten wir vielleicht einfach öfter mal zum Sportplatz gehen. Dort wird nicht geredet. Dort wird gemacht. Und das ist am Ende vielleicht das Wahrste von allem.
Inhaltsverzeichnis
Toggle




