Takashi Yamamoto aus Osaka ist zum ersten Mal auf Sylt. Er hat sich auf Ramen spezialisiert, kennt 47 Zubereitungsarten für Dashi-Brühe und hat noch nie Sauerkraut gegessen. Diese Woche wird er die Mittagskarte von Edeka Johannsen in Keitum entdecken— und würde jeden Abend in sein Reisetagebuch schreiben. Wir haben es schon jetzt gelesen.
Die Woche vom 22. Juni – bis 27. Juni 2026
Montag — Leberkäse mit Sauerkraut & Püree · 9,90 €
„Liebe Familie, ich habe heute etwas gegessen, das weder Käse noch Leber ist, obwohl es beides im Namen trägt. Der Koch hier scheint ein Poet zu sein. Der Leberkäse ist rosa, warm und sehr solide — wie ein freundlicher Felsen auf dem Teller. Das Püree war cremig wie Tofu, aber schwerer. Das Sauerkraut… hat mir gute fünf Minuten Schweigen abgerungen. Dann habe ich nachbestellt. 9,90 Euro. In Osaka würde dieses Gericht wahrscheinlich 2.400 Yen kosten und in einem Conceptstore serviert werden. Hier kommt es auf einem echten Teller. Ich gebe fünf Sterne.“
Dienstag — Hausgemachte gefüllte Paprika mit Tomatensauce & Kräuterreis · 8,90 €
„Die Paprika ist hier kein Gewürz. Sie ist ein Behälter. Ich wusste das nicht. In Japan füllen wir Onigiri. Die Deutschen füllen Gemüse. Respekt. Die Tomatensauce war tief, rund, sauer-süß — fast wie eine gute Demi-Glace, aber ehrlicher. Der Kräuterreis hat mein Herz berührt: Reis! Endlich Reis! Zwar kein Japonica-Korn, aber er hat sich bemüht. Das Gericht schmeckte nach Zuhause — nur einem anderen. Sehr gut.“
Mittwoch — Schweineschnitzel mit Champignonsauce & Bratkartoffeln · 9,90 €
„Heute habe ich verstanden, warum Deutschland so viel in Ingenieurswesen investiert hat: damit jemand herausfinden kann, wie man Schweinefleisch so gleichmäßig und knusprig brät. Das Schnitzel war flach wie ein Koordinatensystem und goldbraun wie ein Herbst-Sonnenuntergang. Die Champignonsauce ist Umami. Echter Umami. Ich habe den Koch gefragt ob er das heimliche Glutamat-Talent Europas ist. Er hat gelacht und ‚Geheimrezept‘ gesagt. Die Bratkartoffeln — diese kleinen angebratenen Kissen — habe ich heimlich fotografiert. 47 Bilder.“
Donnerstag — Hausgemachte Rinderroulade mit gestovten Bohnen & Salzkartoffeln · 13,50 €
„Heute das teuerste Gericht der Woche. Und sofort verständlich warum. Die Rinderroulade ist gerollt wie ein Maki — aber größer als mein Unterarm und gefüllt mit Dingen, die ich nicht alle identifizieren konnte, aber alle mochte. Gestovte Bohnen kannte ich nicht. Gestovt heißt hier: langsam, liebevoll, mit Butter behandelt. Das ist eine Philosophie, keine Zubereitungsart. Die Salzkartoffeln: schlicht, ehrlich, respektvoll. Ich habe 13,50 Euro bezahlt und gefühlt, als hätte ich ein Geheimnis gelernt.“
Freitag — Fangfrischer Angeldorsch mit Sellerie-Kartoffelpüree & Zitronenbutter · 12,90 €
„FISCH. Endlich Fisch! Und nicht irgendein Fisch — Angeldorsch. Frisch. Von der Nordsee. Ich habe kurz geweint. Nicht aus Trauer, sondern aus Respekt für die Zutaten. Der Fisch war weiß, zart, sanft — wie ein guter Tamagoyaki, aber mit mehr Charakter. Die Zitronenbutter darüber: elegant wie eine Verbeugung. Das Sellerie-Püree hat mich überrascht: Es schmeckte nach Erde und Meer gleichzeitig. Eine Meditation auf dem Teller. Ich komme nächsten Freitag wieder.“
Samstag — Linsen-Eintopf mit Einlage · 5,90 €
„Samstag ist Eintopf-Tag. Das habe ich gelernt. Der Preis: 5,90 Euro. In Tokio zahlt man für ein Miso-Shiru in einem Designrestaurant das Dreifache. Hier ist der Linsen-Eintopf schwer, warm, erdend — wie eine Umarmung in flüssiger Form. Die Einlage (Würstchen, wie ich vermutete) schwimmt darin wie ein kleiner Freund. Ich saß am Fenster, schaute auf die Keitumer Straße, trank Wasser aus einem deutschen Glas und dachte: Vielleicht ist das Glück ein Linsen-Eintopf um 12 Uhr mittags auf Sylt.“
Täglich verfügbar — drei Klassiker:
Nudeln Bolognese (7,50 €), Chili con Carne (7,50 €), Rindergulasch (9,50 €)
„Die täglichen Gerichte sind wie das Stamm-Ensemble eines Theaters: verlässlich, professionell, immer da wenn man sie braucht. Das Rindergulasch ist mein persönlicher Favorit. Es riecht, wenn man reinkommt, schon von der Tür. Das ist Marketing.“
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SÖL.ICH.
Buchtipp: Söl. Ich. – Ein Geständnis der Insel Sylt. Von Alex Lenz, fotografiert von Nick Bosch, illustriert von Lotte Dänner. Das Buch führt an 99 Orte auf Sylt – vom Ellenbogen bis Hörnum, von der Blidselbucht bis zum Friedhof der Heimatlosen. Kein Reiseführer – ein Geständnis. 19,90 Euro, Subskriptionspreis. Jetzt bestellen: sylt1shop.de
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