Während anderswo über Weltklima-Gipfel verhandelt wird, rettet Sylt den Planeten jetzt scheibchenweise – genauer gesagt: brötchenweise. Die Bäckerei Raffelhüschen und die Gemeinde Sylt haben ein Pilotprojekt gestartet, bei dem aus übrig gebliebenen Backwaren Kompost für die Grünflächen der Insel wird. Das Croissant von gestern düngt also demnächst den Baum von morgen. Wenn das kein Kreislauf ist.
Vom Ladentisch in den Pflanzboden
Die Idee kam vom Bäcker selbst: Thomas Raffelhüschen trat mit der Frage an die Klimaschutzmanagerin des Landschaftszweckverbandes Sylt heran, wie sich organische Reste sinnvoll direkt auf der Insel verwerten lassen. Nun probiert man es gemeinsam mit dem Bauhof der Gemeinde einfach aus – erfrischend unkompliziert für ein Land, in dem sonst gern erst mal drei Gutachten bestellt werden.
Dabei war der Familienbetrieb in Sachen Resteverwertung nie untätig: Nicht verkaufte Backwaren wandern seit Jahren als Futtermittel in die Weiterverarbeitung oder zur Lebensmitteltafel. Neu ist die betriebseigene Kompostieranlage, die – natürlich, wir sind ja auf Sylt – mit Sonnenstrom vom eigenen Dach läuft. Sie schafft es, Lebensmittelreste samt tierischer Bestandteile innerhalb von 24 Stunden um bis zu 90 Prozent zu schrumpfen. Bis zu 25 Kilogramm passen in einen Durchgang. Was früher aufwendig entsorgt werden musste, wird jetzt zum Bodenverbesserer. Man könnte sagen: Die Brötchen von vorgestern machen endlich Karriere.
Der Bauhof gräbt mit
Im Herbst kommt der große Praxistest: Bei der nächsten Pflanzaktion mischt der Bauhof den Bäckerei-Kompost an ausgewählten Standorten unter den Pflanzboden, dokumentiert brav die Erfahrungen und wertet sie aus. Bauhofleiter Björn Christiansen freut sich nach eigenen Worten immer, wenn Unternehmen mit frischen Ideen auf die Gemeinde zukommen – und probiert den Kompost gern aus.
Eine Sache ist den Beteiligten dabei wichtig, und sie sei hier ordnungsgemäß vermeldet: Der Kompost landet ausschließlich in Zierpflanzen-Bereichen öffentlicher Grünanlagen. Im Lebensmittelanbau kommt er ausdrücklich nicht zum Einsatz. Der Rosenstrauch bekommt also das Franzbrötchen-Upgrade, die Kartoffel bleibt außen vor.
Nachhaltigkeit, die nach Bäckerei duftet
Klimaschutzmanagerin Catharina Bayerlein bringt es auf den Punkt: Nachhaltigkeit beginnt oft im Kleinen – und wenn Verwaltung, Unternehmen und engagierte Menschen gemeinsam anpacken, profitieren am Ende alle. Initiator Raffelhüschen wiederum freut sich über ein schönes Beispiel für einen regionalen Kreislauf. Recht haben beide: Statt Reste vom Festland abholen zu lassen, bleibt hier alles auf der Insel – vom Ofen über den Kompost bis zur Baumscheibe.
Ob das Experiment dauerhaft weitergeführt wird, entscheidet sich nach der Testphase. Bewährt sich der Insel-Kompost, dürfen sich Sylts Bäume künftig regelmäßig über die wohl exklusivste Nährstoffquelle Deutschlands freuen. Und sollte demnächst eine Kastanie am Wegesrand verdächtig gut gedeihen, wissen wir alle, woran es liegt: Sie wird vom besten Bäcker der Insel versorgt.
Ein kleines Projekt, zugegeben. Aber eines, das zeigt, wie charmant Klimaschutz sein kann, wenn man ihn einfach mal macht – mit kurzen Wegen, guten Nachbarn und einer Prise Sylter Pragmatismus. Wir bleiben dran und berichten im Herbst, wie es den ersten Bäumen mit ihrer neuen Diät ergeht.
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