Ich weiß nicht, was ein „Jahr“ ist oder warum es „wechseln“ muss. Aber ich kenne die „bösen Tage“.
Zuhause, in der Stadt, fängt es meist schon Tage vorher an. Plötzlich, beim entspannten Schnüffeln am Baum: PENG! Ein Geräusch, das mir durch Mark und Bein geht, viel schlimmer als Donner. Mein Herz rast, ich will nur noch weg, zurück ins Haus, unter das Sofa, in die engste Ecke, die ich finden kann.
Der Abend, den meine Menschen „Silvester“ nennen, ist der absolute Horror. Draußen bricht der Krieg aus. Es zischt, es pfeift, und dann diese Schläge, die den Boden vibrieren lassen. Blitze zucken durch die Vorhänge. Ich zittere am ganzen Körper, ich hechele, ich winsle. Meine Menschen versuchen mich zu trösten, aber ich rieche ihre eigene Anspannung und den beißenden Schwefelgeruch, der durch die Ritzen kriecht. Ich denke jedes Mal: Das ist das Ende.
Aber dieses Mal war alles anders.
Sie haben mich ins Auto gepackt, und wir sind lange gefahren, dann sogar auf einen Zug, der übers Wasser fuhr. Wir sind auf dieser Insel gelandet, wo der Wind immer meine Ohren durchpustet.
Der Abend kam. Ich war angespannt. Ich wartete auf den ersten Knall. Ich verkroch mich vorsichtshalber schon mal unter dem Couchtisch in der Ferienwohnung. Meine Menschen zogen sich dicke Jacken an. „Komm, wir gehen zum Strand“, sagten sie.
Seid ihr wahnsinnig?, dachte ich. Raus in die Todeszone?
Aber ich vertraue ihnen. Wir gingen raus. Und da war… nichts. Nur der Wind. Das Rauschen der großen Wellen. Der Geruch nach nassem Sand und Algen.
Wir gingen an den Strand. Es war dunkel, aber nicht bedrohlich. Überall waren andere Menschen, viele hatten auch Hunde dabei. Ich sah einen Golden Retriever, der nicht zitterte. Einen kleinen Terrier, der fröhlich seinen Ball trug. Keiner hatte eingeklemmte Ruten.
Dann, um Mitternacht, hörte ich Glocken. Das war okay. Glocken tun nicht weh. Meine Menschen umarmten sich und gaben mir ein extra großes Stück Trockenfleisch. Wir standen einfach da, schauten auf das schwarze Wasser und atmeten die kalte, saubere Luft. Keine Blitze am Himmel, keine donnernden Monster.
Ich habe mich im Sand gewälzt vor Erleichterung. Ich weiß nicht, warum die Menschen hier nicht knallen. Vielleicht haben sie bessere Ohren als die in der Stadt. Aber ich liebe diesen Ort. Hier bin ich sicher. Hier kann ich einfach nur Hund sein, auch in der lautesten Nacht des Jahres. Bitte, lass uns nie wieder woanders hin.



