Vor zwei Wochen war hier Karibik. 26 Grad, Sonne ohne Reue, die Nordsee so zahm, dass selbst überzeugte Ostsee-Urlauber kurz gezögert haben. Deutschland stand in Flammen – Sachsen-Anhalt meldete 41,5 Grad, irgendwo in der Mitte der Republik schmolz vermutlich eine Autobahnbrücke – und Sylt spielte mit. Bescheiden, wie immer, aber mit Überzeugung. Die Strandkörbe ausgebucht, die Eisdielen am Limit, die Kamper Terrassen so voll, dass man die Ellenbogen einziehen musste. Was niemand tat, weil es zu heiß dafür war.
Man hätte denken können: Das bleibt jetzt so. Sommer halt. Endlich.
Dieses Wochenende: 18 Grad. Bewölkt. Windböen. Trocken – aber das sagen sie immer.
Die Strandkorbvermieter kennen das. Der Friesennerz-Händler an der Friedrichstraße kennt das. Sogar die Möwen kennen das – man sieht es an der Art, wie sie in den Wind gucken. So ein leichtes: Natürlich.
An der Buhne 16 kommt das Wasser dieser Tage so nah an die Strandkörbe, dass man kurz überlegt, ob man die Füße hochnehmen soll. Die Nordsee inspiziert ihr Territorium. Sie guckt, was die Menschen hier so hingestellt haben. Und sie guckt nicht freundlich. Der Wind – und es ist kein Wind, es ist Wind, der einen bei der Hand nimmt und in eine Richtung schickt, die man nicht gewählt hat – macht aus Sonnenschirmen Geschosse und aus Frisuren Kunst.
Kaum hat man sich an den Gedanken gewöhnt, dass hier vielleicht tatsächlich Sommer ist, dreht die Insel einfach um. Ohne Ankündigung. Ohne Entschuldigung. Ohne Rückerstattung der Strandkorbgebühr.
Süddeutschland schwitzt noch einmal bis 33 Grad und schämt sich ein bisschen für den Norden. Sylt schlüpft in die Windjacke und geht raus – denn was ist ein Horizont ohne ein bisschen Dramatik? Was ist ein Strand ohne Wind, der einem die Zeitung aus der Hand reißt, sie zweimal überschlagen lässt und irgendwo zwischen Düne und Parkplatz landen lässt?
Die Insel hat Sturmfluten überlebt. Die Wanderdünen haben ganze Ortschaften verschluckt. Strandkörbe sind schon in der Nordsee gelandet und haben dabei mehr Würde bewahrt als manche Urlauber. Da macht man sich wegen ein paar Wolken und einem steifen Wind im Juli keine Sorgen. Man macht Kaffee. Man zieht die Kapuze hoch. Man geht trotzdem raus, weil man sonst warum auf Sylt?
An alle, die dieses Wochenende kommen: Packt eine Lage mehr ein. Nehmt die Sonnenbrille trotzdem mit – nicht für die Sonne, sondern gegen den Sand. Und wenn das Wasser an der Buhne 16 wieder etwas zu nah kommt: einfach die Beine hochnehmen und zugucken. Die Nordsee macht das nicht aus Böswilligkeit.
Sie erinnert nur daran, wem der Strand eigentlich gehört.
Vor zwei Wochen war hier Karibik. Sylt hat das nicht vergessen.
Es übt nur gerade für den Herbst.
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