Von einer, die eigentlich nur Austern schlürft, aber plötzlich ihr Herz zwischen Gang vier und der Kasse auf Sylt verlor.
Normalerweise lasse ich einkaufen. Und wenn ich doch einmal einen Supermarkt betrete, dann höchstens, um dem Filialleiter persönlich meine Enttäuschung über den fehlenden weißen Trüffel mitzuteilen. Als man mir neulich im Golfclub – zwischen zwei Gläsern Ruinart – flüsterte, der wahre kulinarische Hotspot der Insel sei die heiße Theke beim Edeka in Keitum, dachte ich an einen vulgären Scherz. Ein Mittagstisch? Zwischen Sonderangeboten und Neonlicht? Eine geradezu skurrile Vorstellung. Aber da mich ohnehin eine gewisse morbide Neugier für das Leben der ganz normalen Leute antrieb, drapierte ich meinen Kaschmirschal, setzte die große Chanel-Brille auf und wagte das Experiment. Eine Woche lang. (17.08. – 22.08.26).
Hier ist mein schonungsloser Bericht.
Montag: Ein Hauch von St. Moritz für 9,50 €
Schweinegeschnetzeltes „Zürcher Art“ mit Rösti-Ecken
Neun Euro fünfzig. In Kampen bekommt man dafür mit viel Glück den Milchschaum auf dem Cappuccino. Mit spitzen Fingern balancierte ich die beschichtete Pappschale zu meinem SUV. Ich stocherte misstrauisch in der Weißwein-Rahmsauce. Doch dann passierte etwas Irritierendes: Es schmeckte. Die Sauce war verblüffend sämig, fast schon samtig, und die Rösti-Ecken besaßen eine Knusprigkeit, die ich in dieser profanen Umgebung schlichtweg nicht erwartet hatte. Ich aß auf. Im Auto. Niemand durfte mich dabei sehen.
Dienstag: Der Riss in der Fassade für 9,50 €
Hähnchen-Cordon bleu mit Erbsen-Möhrengemüse & Püree
Ich betrat den Laden am Dienstag schon etwas zielstrebiger. Das Gericht klang nach biederster Hauswirtschaftslehre. Erbsen und Möhren? Mon Dieu. Aber als ich die erste Gabel von diesem Kartoffelpüree probierte, hielt ich unwillkürlich inne. Es schmeckte nach Butter. Nach echter, ehrlicher Butter und nicht nach Convenience-Pulver. Für einen winzigen Moment dachte ich an die Küche meiner Großmutter zurück. Der fließende Käse im krossen Cordon bleu tat sein Übriges. Ich bedankte mich bei der Dame hinter der Theke. Und ich glaube, ich meinte es ernst.
Mittwoch: Feuriges Temperament für 9,90 €
Paprika-Schnitzel mit Bratkartoffeln
Mittlerweile stand ich völlig selbstverständlich neben einem Handwerker in Warnweste an der Theke. Er nickte mir zu, ich nickte zurück. Wir waren jetzt Schicksalsgenossen der Mittagspause. Das Paprika-Schnitzel war von einer erfreulichen Deftigkeit. Die Sauce hatte Charakter, eine angenehme Pikanterie, die mich fast meine Haltung vergessen ließ. Die Bratkartoffeln waren rustikal und mit herrlichen Röstaromen versehen. Kein Schäumchen, kein Trüffelöl – einfach nur ehrliches Essen. Ich wischte mir einen Saucenfleck vom Mantel und es war mir erstaunlich egal.
Donnerstag: Die absolute Kapitulation für 12,90 €
Flugentenkeule mit Apfelrotkohl, Kartoffelklößen & Orangensauce
Zwölf Euro neunzig für Flugente. Ich rechnete fest mit zähem Geflügel. Stattdessen offenbarte mir der Edeka-Tresen ein zartes, saftiges Fleisch, das sich geradezu elegant vom Knochen löste. Die Orangensauce balancierte die herbe Süße des Apfelrotkohls so meisterhaft aus, dass ich die Schale am liebsten mit dem Rest meines handgerollten Klößchens restlos ausgewischt hätte. Das war kein Mittagstisch mehr. Das war eine liebevolle Umarmung für den Gaumen. Ich ertappte mich dabei, wie ich der Bedienung ein enthusiastisches „Großartig!“ zurief.
Freitag: Die Essenz der Nordsee für 12,90 €
Fangfrischer Seelachs in Knusperpanade mit Sauce Hollandaise & Salzkartoffeln
Ich trug meine Sonnenbrille nicht mehr. Wozu auch? Frau Petersen an der Theke kannte mich jetzt. Der Seelachs war makellos – saftig, heiß und unter einer Panade verborgen, die bei jedem Bissen fröhlich knackte. Die Sauce Hollandaise war üppig, sündhaft cremig und trug den feinen Eigengeschmack des Fisches auf Händen. Als sich jemand hinter mir über die Wartezeit beschwerte, drehte ich mich um und wies ihn scharf zurecht, er solle gefälligst Respekt vor diesem Handwerk haben.
Samstag: Reine Seele für 5,90 €
Grüne Bohnen-Eintopf mit Einlage
Mein krönender Abschluss. Für lächerliche 5,90 € bekam ich eine dampfende Schale Soulfood. Eine kräftige, tiefe Brühe, frische Bohnen und deftige Fleischaromen. Kein Chichi. Nur Wärme. Ich saß auf der kleinen Bank vor dem Markt, der Wind wehte mir durch die perfekt frisierten Haare, und ich löffelte diesen Eintopf mit einer Demut, die ich seit Jahrzehnten nicht mehr gespürt hatte.
Täglich: Die treuen Begleiter
Für alle, die keine Ente oder Fisch mögen: Es gibt jeden Tag Nudeln Bolognese (ab 7,50 €), ein feuriges Chili con Carne (ab 7,50 €) und ein tiefgründiges Rindergulasch (ab 9,50 €).
Mein Fazit? Ich werde mein Stammplatz im Gogärtchen sicher nicht kündigen. Aber tief in meinem Herzen weiß ich jetzt: Die wahre Seele von Keitum trägt keine Designerklamotten. Sie trägt eine weiße Schürze, reicht dir eine Pappschale über den Tresen und wünscht dir einen guten Appetit. Und ich werde wiederkommen. Ganz sicher.
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