„Wir müssen heute unbedingt noch ans Wasser! Es ist der letzte richtige Sommertag!“
Wenn dieser Satz fällt, meist begleitet von einem dramatischen, leicht panischen Blick gen Horizont, weiß man: Es ist wieder August auf Sylt. Der offizielle „Letzte-Sommertag-Alarm“ hat ausgelöst.
Meine Bekannte stand vor mir, bepackt mit Kühltasche, drei Handtüchern, Windschutz und einer Tube Sonnencreme, als würden wir uns auf eine mehrjährige Polarexpedition vorbereiten, bei der dies die letzten UV-Strahlen für das restliche Jahrzehnt sein würden. Ein kurzer, pflichtschuldiger Blick in die Wetter-App schien ihre düstere Prophezeiung zu bestätigen: Ab übermorgen war dort eine durchgehende Wand aus grauen Wolken, Blitzen und Regen-Symbolen abgebildet, die eher nach Weltuntergang als nach norddeutschem Spätsommer aussah.
Also eilen wir an den Strand. Wir saugen die Sonne auf, wir atmen die salzige Luft, wir schauen wehmütig den Wellen hinterher und verabschieden uns innerlich vom Sommer. Wir zelebrieren diesen Moment mit der Schwermut eines russischen Romans. Ein rührender Abschied.
Die Endlosschleife des Spätsommers
Bis uns am nächsten Vormittag die Sonne durchs Fenster direkt ins Gesicht knallt. Keine Wolke. Traumwetter.
„Also gut“, sagt die Bekannte dann mit unerschütterlicher Ernsthaftigkeit, „DAS ist jetzt aber wirklich der allerletzte Strandtag des Jahres! Die App hat sich gestern nur um 24 Stunden verrechnet!“ Und so packen wir wieder die Kühltasche. Wir eilen wieder an den Strand. Wir verabschieden uns erneut – noch wehmütiger, noch tragischer, mit noch mehr Sonnencreme.
Dieses Ritual wiederholt sich im August mit der unerbittlichen Präzision eines Schweizer Uhrwerks. Jeder Tag mutiert ab sofort zum ultimativen, definitiven, unwiderruflichen „Letzten Sommertag“. Wir befinden uns in einer klimatischen Zeitschleife, einem Und täglich grüßt das Murmeltier mit Sand zwischen den Zehen. Morgen ist der letzte Tag. Übermorgen ist der allerletzte Tag. Nächste Woche Dienstag ist der „Jetzt-aber-wirklich-letzte-bevor-der-Herbst-kommt“-Tag.
Wir irren uns jedes Mal mit größter Hingabe. Und insgeheim lieben wir es.
Carpe Diem, aber mit Strandkorb
Irgendwann, zwischen dem siebten und dem vierzehnten „letzten Strandtag“, trifft einen dann auf der Stranddecke unweigerlich die große philosophische Erkenntnis. Ist diese permanente insulare Endzeitstimmung nicht eigentlich eine großartige Lebensschule? Raten uns nicht seit Jahrtausenden alle großen Denker: „Lebe jeden Tag so, als wäre es dein letzter“?
Wir auf Sylt haben dieses weise Konzept einfach nur perfektioniert und auf unsere Freizeitgestaltung übertragen: „Lebe jeden Tag, als wäre es dein letzter Strandtag.“
Diese Philosophie zwingt uns, den Moment absolut bedingungslos zu genießen. Wenn du tief in deinem Inneren glaubst, dass ab morgen der ewige friesische Herbststurm einsetzt, dann schmeckt der Wein im Strandkorb plötzlich doppelt so intensiv. Dann fühlt sich der Sand unter den Füßen wärmer an. Dann ist das erfrischende Bad in der eiskalten Nordsee keine lästige Überwindung mehr, sondern eine heldenhafte, heilige Pflicht. Man muss es ja ausnutzen! Die Deadline sitzt uns schließlich im Nacken!
Die Wahrheit über den Insel-Sommer
Und wenn man ganz ehrlich zu sich selbst ist: Auf dieser Insel ist eigentlich immer Strandtag. Die Definition von „Sommer“ ändert sich hier ohnehin fließend in „Herbst mit guten Momenten“ und „Winter mit horizontalem Regen“. Der Strand läuft nicht weg, das Meer bleibt genau da, wo es ist. Es ist letztlich alles nur eine Frage der Kleidungsschichten, der richtigen Jacke und einer gesunden Portion Verdrängung.
Also spielen wir dieses wunderbare Spiel einfach weiter. Ich werde gleich meine Tasche packen. Ich werde meiner Bekannten mit ernster Miene zustimmen, dass wir heute unbedingt noch ans Wasser müssen, weil der Herbst quasi schon drüben in Niebüll am Autozug steht. Wir werden den Tag zelebrieren, als gäbe es kein Morgen.
Bis wir uns morgen Vormittag am Strand wiedersehen. Zum allerletzten Mal in diesem Jahr. Ganz bestimmt.




