Sylt aktuell – Der Orkan, der nur in den Schlagzeilen wehte
Sylt hat „Manja“ überlebt. Mancher Redaktion auf dem Festland ging es dabei schlechter als der Insel.
Man muss sich das Wochenende aus zwei Richtungen ansehen. Wer auf Sylt aus dem Fenster schaute, sah einen ordentlichen Herbststurm. Es pfiff, regnete quer und war insgesamt eher ungemütlich, also ein Oktobersonntag, wie ihn die Insel seit ein paar tausend Jahren kennt. Wer dagegen in Köln, München oder Berlin aufs Handy schaute, musste den Eindruck bekommen, die Nordsee hole sich gerade ihre Inseln zurück.
Da „rollte“ etwas „heran“, da „traf ein Orkan Deutschland“, da standen Zahlen wie 118 km/h in fetten Buchstaben über den Artikeln. Wer weiterlas, was erfahrungsgemäß wenige tun, stellte fest: Die 118 km/h galten für Berggipfel. Und die höchste Warnstufe des Wetterdienstes galt am Sonntag für den Schwarzwald und den Harz. Die Küste stand nicht auf der Liste. Ganz offensichtlich ist „Orkan im Schwarzwald“ aber nicht so klickstark wie „Sturm an der Nordsee“. Die Nordsee hat einfach das bessere Image für Weltuntergänge.
Was wirklich war
Für Westerland waren Windstärke 8 und Böen der Stärke 9 vorhergesagt, am Hindenburgdamm einzelne Spitzen bis 120 km/h. Die Autozüge stellten am Sonntagmittag den Betrieb ein, die Syltfähre fuhr mit einem Schiff. Das ist kein Ausnahmezustand, sondern Routine. Der Damm ist bei Seitenwind kein Ort für leere Autotransportwagen, das weiß hier jedes Kind.
Und dann war da das Wort, das im Binnenland zuverlässig für Schnappatmung sorgt: Sturmflut. Für Hörnum waren in der Nacht zu Montag knapp zwei Meter über dem mittleren Hochwasser angesagt. Das klingt dramatisch, bis man weiß, dass eine Sturmflut offiziell schon ab anderthalb Metern beginnt. Als „schwer“ gilt sie erst ab zweieinhalb Metern. In der vergangenen Saison gab es sechs Sturmfluten an der deutschen Nordseeküste. Für Sylt ist so etwas kein Jahrhundertereignis, sondern Wintersaison.
Die Bilanz der Nachrichtenagentur für den ganzen Norden lautete am Sonntagabend nüchtern: „kaum Sturmschäden“. Gemeldet wurden gut hundert Einsätze entlang der Nordseeküste, meist wegen umgestürzter Bäume. Konkrete Schäden auf Sylt sind bislang nicht bekannt. Was die Westküste an Sand gelassen hat, zeigt sich erst, wenn der Küstenschutz nachgemessen hat. Das ist der eigentliche Preis solcher Stürme, und darüber wird traditionell erst berichtet, wenn sich längst keiner mehr für den Sturm interessiert.
Das Muster
Man kennt das inzwischen. Am Freitag wird gewarnt, am Samstag eskaliert, am Sonntag liegt die Insel gefühlt unter Wasser. Am Montag sucht man dann vergeblich nach einer Zeile wie „War doch nicht so schlimm“. Die Entwarnung bringt keine Klicks, also findet sie nicht statt. Der Sturm zieht weiter, die Schlagzeile auch, und beim nächsten Tief beginnt das Spiel von vorn.
Fairerweise muss man sagen: Die Warnungen selbst waren nicht falsch. Wetterdienst und BSH haben sachlich gewarnt. Im Hamburger Raum und an der Weser mussten Menschen aus überfluteten Autos geholt werden, und im Süden flog ein Dach in ein Umspannwerk. Ein Sturm ist kein Witz. Überzogen war nicht die Warnung, sondern das, was manche daraus gemacht haben: Aus „bitte vorsichtig sein“ wurde „Hilfe, wir sterben alle“.
Ganz vorbei ist es übrigens noch nicht
Für Montagmittag ist in Nordfriesland noch einmal eine Sturmflut von bis zu zwei Metern angesagt. Auf Sylt heißt das: nicht am Dünenfuß spazieren gehen, Fahrräder nicht an Dünenzäune lehnen, Strandkörbe sichern, sofern noch einer draußen steht. Und ansonsten Tee kochen.
Den Weltuntergang verschieben wir auf das nächste Tief. Irgendeine Schlagzeile wird ihn bestimmt wieder ankündigen.
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