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Erst Ost, dann Ruhe, dann West: Sylt kennt dieses Drehbuch

Erst Ost, dann Ruhe, dann West: Sylt kennt dieses Drehbuch
Eberhard Werner Happel
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Am Wochenende dreht der Wind über Sylt von Ost auf West. Genau so begann im Oktober 1634 die Burchardiflut, die Nordfriesland zerriss. Warum wir trotzdem keine Gummistiefel aufs Dach stellen müssen – meistens.

Das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) rechnet für Hörnum mit steigenden Wasserständen: Samstagmittag rund 75 Zentimeter über dem mittleren Hochwasser, Sonntagmittag etwa einen Meter. In der Nacht zu Montag, gegen zwei Uhr, sollen es knapp zwei Meter sein. Das ist offiziell eine Sturmflut. (Stand: Freitag, 23. Oktober, 17:30 Uhr. Nur der Wert für Samstag ist ein geprüfter Scheitelwert, der Rest eine automatische Kurvenvorhersage, die sich noch ändern kann.)

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Wer in diesen Tagen am Brandenburger Strand steht, erlebt ein merkwürdiges Schauspiel. Erst bläst es kräftig aus Osten, also vom Festland her, über die Insel hinweg aufs Meer hinaus. Die Nordsee zieht sich zurück, als hätte sie etwas Besseres vor. Dann wird es ruhiger. Fast friedlich. Und dann dreht der Wind auf West.

Wer jetzt sagt „Kenn ich irgendwoher“, hat entweder ein sehr gutes Geschichtsgedächtnis oder ist sehr alt. Genau so lief es vor 392 Jahren.

11. Oktober 1634: Ein harmloser Herbsttag

Der Tag begann ruhig. Dann kam Wind auf, kräftig, aber aus Osten. Für die Menschen an der Westküste war das zunächst eine gute Nachricht: Ostwind schiebt das Wasser vom Land weg. Wer am Nachmittag auf den Deich ging, sah eher zu wenig Nordsee als zu viel.

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Am Abend drehte der Wind auf Südwest. Auf Sylt lief das Vorland an der Südküste voll. Das kannte man. Unangenehm, aber nicht neu.

In der Nacht drehte er weiter auf Nordwest und wuchs zum Orkan. Ausgerechnet bei Springtide. Das Wasser, das der Ostwind am Nachmittag weggeschoben hatte, kam zurück. Mit Verstärkung. Fachleute vermuten heute ein Sturmtief vom sogenannten Jütland-Typ: auf engem Raum, kurz, aber mit extremen Windgeschwindigkeiten.

Eine Insel zerbricht

Zwischen Ribe und Brunsbüttel brachen die Deiche. Am schwersten traf es die große Insel Strand, heute meist Alt-Nordstrand genannt. Sie zerfiel in einer Nacht in Stücke. Was übrig blieb, kennt man heute als Pellworm, Nordstrand und die Hallig Nordstrandischmoor.

Der Husumer Chronist Anton Heimreich zählte allein in Eiderstedt 2.107 Tote und 12.802 ertrunkene Tiere. Insgesamt gelten mindestens 11.000 bis 12.000 Tote als gesichert. Flugschriften der Zeit meldeten 15.000, manche sogar 30.000. Reißerische Schlagzeilen gab es also auch damals schon, nur ohne Werbebanner.

Die Flut ging als „Zweite Grote Mandränke“ in die Chroniken ein. Die erste, die Marcellusflut von 1362, hatte unter anderem Rungholt verschluckt.

Die Parallele, die einem kurz den Kaffee kalt werden lässt

Ostwind, Ruhe, Westdrehung: Das Muster ist dasselbe. Und es ist tückisch, weil es sich so gut anfühlt. Niedriges Wasser beruhigt. Eine Flaute dazwischen beruhigt noch mehr. Gefährlich wird es erst, wenn der Wind von West auf Nordwest geht, sehr stark wird und mit einer hohen Tide zusammenfällt.

Und die Ähnlichkeiten gehen weiter. Der Höchststand wird wieder nachts gegen zwei Uhr erwartet, wie 1634. Die Gezeiten sind ohnehin hoch, und der Wind legt laut BSH-Rechnung noch rund 1,75 Meter Windstau obendrauf. Dann aber kommt der entscheidende Unterschied: Für Sonntagnacht erwartet das BSH in Hörnum knapp zwei Meter über normalem Hochwasser. 1634 waren es in Nordfriesland rund dreieinhalb Meter, in Husum stand das Wasser 4,80 Meter über Normalnull. Wer die Burchardiflut in die heutige BSH-Grafik eintragen wollte, bräuchte ein größeres Blatt Papier. Die Skala endet bei 800 Zentimetern über Pegelnull, die Burchardiflut läge irgendwo bei 950.

Warum 2026 nicht 1634 ist

Erstens: Die Deiche sind andere Bauwerke. Schleswig-Holstein unterhält 433 Kilometer Landesschutzdeiche mit dem höchsten Sicherheitsstandard. Wie hoch und wie breit sie sein müssen, steht im Generalplan Küstenschutz, zuletzt fortgeschrieben 2022. Neue Deiche entstehen als „Klimadeiche“: breiter, flacher und mit eingeplanter Reserve, damit man sie später einfacher erhöhen kann. 1634 war ein Deich das, was ein Dorf mit Schaufel und Schubkarre aufschütten konnte.

Zweitens: Sylt wird jedes Jahr nachgefüllt. Die Westküste hat keinen Deich, sie hat Sand. Und der verschwindet, rund eine Million Kubikmeter pro Jahr. Seit 1972 spült das Land deshalb Sand vor. 2026 sind es 1,3 Millionen Kubikmeter für rund 9,2 Millionen Euro, für die Jahre 2025 bis 2028 sind 39 Millionen Euro beschlossen. Das ist teuer. Weniger Insel wäre teurer.

Drittens: Heute weiß man es vorher. 1634 bemerkte man den Orkan, als er auf dem Dach saß. Heute rechnen Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie und Deutscher Wetterdienst Wasserstände und Windfelder Tage im Voraus. Niemand steht nachts überrascht im Wasser, weil der Wind gedreht hat. Höchstens, weil er die Warnung ignoriert hat.

Das kleine „vielleicht“

Ganz entwarnen kann trotzdem niemand. Nach den letzten Zahlen haben 81,7 Prozent der Landesschutzdeiche kein Sicherheitsdefizit. Umgekehrt heißt das: knapp ein Fünftel hat eins. Der Meeresspiegel steigt, und gebaut wird nach Plänen, die Jahre brauchen. Sylts Schutz ist ein Abo, kein Einmalkauf. Fällt eine Vorspülung aus, merkt die Westküste das sofort.

Für dieses Wochenende gilt also: Strandkorb festbinden, Fahrrad nicht an den Dünenzaun lehnen, Warnungen lesen. Und wer am Brandenburger Strand bei Ostwind auffällig viel Watt sieht, darf sich kurz an 1634 erinnern. Dann aber bitte zurück ins Café. Die Deiche halten das aus. Der Kuchen nicht ewig.

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