Ein Kommentar von der Insel
Es ist wieder so weit. Jedes Jahr im Juli kürt irgendein Lifestyle-Magazin einen neuen „Geheimtipp an der Nordsee“, der „schöner und günstiger als Sylt“ sein soll. 2026 hat es Butjadingen erwischt. Laut Esquire ist die Halbinsel zwischen Jadebusen und Wesermündung „Deutschlands heißestes Reiseziel“. Wir hier oben nehmen das zur Kenntnis. Mit der Ruhe, die man uns ja gern nachsagt.
Zunächst das Sachliche: Butjadingen ist eine schöne Ecke. Deiche, Schafe, Krabbenkutter in Fedderwardersiel – alles da, alles ehrlich, alles in Ordnung. Wer dort Urlaub macht, macht nichts falsch. Das vorweg, damit niemand denkt, hier auf der Insel wäre man eingeschnappt. Ist man nicht. Eingeschnappt sein kostet Energie, und die spart man sich hier für den Westwind auf.
Nun aber zu den Details. Esquire preist als Hauptattraktion die „Nordsee-Lagune“ in Burhave an – einen „weltweit einzigartigen Meerwasser-Badesee, der unabhängig von Ebbe und Flut genutzt werden kann“. Übersetzt heißt das: Man hat dort ein Becken gebaut, weil das eigentliche Meer zweimal täglich mehrere hundert Meter weit weg ist. Das ist eine durchaus pragmatische Lösung. Auf Sylt lösen wir dieses Problem anders. Wir haben Wellen. Vierzig Kilometer davon, direkt vor der Tür, bei jedem Wasserstand. Man nennt das Brandung. Ein Becken brauchen wir dafür nicht.
Dann das Argument mit dem Preis: „Halb so teuer wie Sylt.“ Das stimmt vermutlich sogar. Es stimmt allerdings auch für ungefähr jeden anderen Ort in Deutschland, inklusive einiger Stadtteile von München. „Günstiger als Sylt“ ist keine journalistische Entdeckung, das ist eine mathematische Grundkonstante. Wir würden uns wünschen, dass das mal jemand als Kompliment versteht: Offenbar gibt es Gründe, warum die Leute es trotzdem hierher zieht. Seit ungefähr 170 Jahren.
Und schließlich der Begriff „Geheimtipp“. Ein Geheimtipp, der in Esquire, mit Google-Vorschau und Anzeigen dazwischen, auf Platz eins der Reiseziele 2026 steht, ist ungefähr so geheim wie die Ansage der Fähre nach List. Wir wünschen den Butjadingern jedenfalls viel Freude mit dem, was jetzt kommt. Wir kennen das nämlich. Erst der Artikel, dann die Wohnmobile, dann die Ferienwohnungspreise. In zehn Jahren schreibt Esquire dann: „Schöner und günstiger als Butjadingen – dieser Geheimtipp…“
Bis dahin bleiben wir entspannt. Das Meer ist hier. Ohne Becken.
Und für alle, die Sylt für laut und teuer halten:
Weil das Hauptargument gegen Sylt ja immer dasselbe ist – voll, teuer, Porsche – hier ein Service, den man in Lifestyle-Magazinen selten findet: Sylt kann auch leise. Man muss nur wissen, wo.
Wer Ruhe sucht, fährt in den Inselosten. Morsum und Archsum sind das, was Butjadingen gern wäre: Deich, Schafe, Watt, kein Mensch. Am Morsum-Kliff steht man abends allein vor einer Kulisse, für die andere Regionen eine Lagune bauen müssten. Die Braderuper Heide, das Rantumbecken, der Ellenbogen bei List – alles Orte, an denen das lauteste Geräusch ein Austernfischer ist. Kostet übrigens: nichts.
Und weil „günstig auf Sylt“ angeblich nicht existiert, hier ein paar Adressen, die das Gegenteil beweisen:
Abbys, Rantum. Kuchen und Kaffee, gut und zu Preisen, bei denen niemand nach Luft schnappen muss. Der eigentliche Geheimtipp der Insel – jetzt leider nicht mehr ganz so geheim.
JS Soul Coffee, Neue Mitte Westerland. Richtig guter Kaffee, mitten in Westerland, ohne Promenaden-Aufschlag.
Fisch Blum. Für Fisch. Der Name ist Programm, das Fischbrötchen ist besser als jede Strandkorb-Gastronomie mit Meerblick-Zuschlag.
Edeka Johannsen, Keitum. Ja, ein Edeka. Mit Mittagstisch. Wer im teuersten Dorf der Insel für kleines Geld gut essen will, stellt sich hier an – neben Handwerkern, Einheimischen und Leuten, die es einfach wissen.
Goldstück Wein & Genusshandel, Westerland. Guter Wein und Genuss ohne Etikettenschnickschnack. Beratung inklusive, Attitüde nicht.
Damit wäre das mit „unbezahlbar“ auch geklärt. Man muss auf Sylt nicht 24 Euro für ein Club-Sandwich ausgeben. Man kann. Muss aber nicht.
Und Butjadingen? Fahren Sie ruhig hin. Aus Sylter Sicht liegt das ohnehin schon fast im Süden – alles unterhalb der Elbe ist hier bekanntlich Italien.
Wer mehr davon will: Das Buch „Söl Ich. Ein Geständnis“ von Alex Lenz gibt es jetzt auf sylt1shop.de.
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