Sylt hat schon einiges an prominenten Gästen ertragen. Fußballer, Fernsehstars, Reeder, den einen oder anderen Bundesminister im Reetdach-Urlaub. Aber der heimliche Star dieses Sommers ist gerade mal zwei Zentimeter lang, haarig und wohnt bevorzugt auf der Kartoffelrose: der Goldafter.
Man muss der kleinen Raupe zugestehen – sie hat Stil. Während sich der Rest der Insel um Parkplätze, Reservierungen und den letzten freien Strandkorb streitet, hat sich der Goldafter kommentarlos in allen fünf Inselgemeinden einquartiert. Kein Kurbeitrag, keine Anreise über den Hindenburgdamm, keine Diskussion über Zweitwohnungssteuer. Einfach da. Man könnte fast neidisch werden.
Ein Gast, der unter die Haut geht
Das Problem ist nur: Dieser Gast will nicht bewundert, sondern gemieden werden. Seine Brennhaare – so fein, dass man sie kaum sieht – sorgen für Hautrötungen, Bläschen, Juckreiz, gereizte Augen und im schlimmsten Fall Atembeschwerden. Und weil das Leben auf Sylt selten einfach ist, muss man die Raupe dafür nicht einmal anfassen. Die Härchen brechen ab, bleiben in Gespinsten hängen, kleben an Kleidung und lassen sich vom Wind spazieren tragen. Der Goldafter grüßt also auch aus der Ferne.
Besonders charmant: Die Reaktion setzt oft erst Stunden später ein. Man liegt entspannt im Gras, genießt die Aussicht, ahnt nichts – und wundert sich am Abend, warum die Haut auf einmal eigene Pläne hat.
Die gute Nachricht (es gibt eine)
Immerhin: Die intensive Raupenphase ist weitgehend vorbei, viele Tiere haben sich bereits verpuppt. Die Gemeinde gibt trotzdem noch keine komplette Entwarnung – die abgebrochenen Härchen halten sich hartnäckig, so wie manche Dinge auf Sylt eben Bestand haben.
Und der ersehnte Regen? Der hilft tatsächlich ein wenig. Er bindet die Brennhaare, drückt sie zu Boden und nimmt dem Wind seine Lieblingsfracht. Ein feuchter Tag ist damit ausnahmsweise mal ein guter Tag – zumindest aus Sicht der Haut. Nur zerstören kann der Regen das Reizgift nicht, er räumt es nur höflich zur Seite. Trocknet alles ab und frischt der Wind auf, ist der Spuk zurück.
Der Sylter Sommer-Knigge für Raupenzeiten
Wer jetzt Rasen mäht, Hecken schneidet oder im Garten werkelt, greift zu langer Kleidung und schützt unbedeckte Haut. Raupen und Gespinste bleiben tabu, das Picknick im Gras verlegt man besser auf die Bank, und Hunde laufen in Befallsgebieten an kurzer Leine – Vierbeiner haben für botanische Feinheiten bekanntlich wenig Sinn.
Und falls es einen doch erwischt: Kleidung vorsichtig ausziehen und bei mindestens 60 Grad waschen, duschen, Haare waschen, die Haut dabei nicht abrubbeln. Kühlung und eine juckreizlindernde Salbe beruhigen. Bei Brennhaaren im Auge gründlich mit Wasser spülen, bei starken Beschwerden zum Arzt. Und wenn Atemnot oder Kreislaufprobleme dazukommen, gilt keine Ironie mehr, sondern die 112.
So bleibt der Goldafter, was er ist: der unscheinbarste, unbeliebteste und garantiert hartnäckigste Sommergast, den die Insel je hatte. Immerhin einer, der garantiert wiederkommt – ganz ohne Vorbuchung.
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