Vor dem Sturm: Warum Berliner Studierende nicht an den Wannsee, sondern ins Sylter Watt fahren
Viele Berliner kennen Sylt vor allem aus einem Lied der Ärzte. 50 Biologiestudierende der FU kennen die Insel inzwischen knietief: Jedes Jahr forschen sie acht Tage im Watt, an Dingen, die es am Wannsee nicht gibt. Ein Bericht über Muscheln, Gummistiefel und einen Job, der wichtiger ist, als er aussieht.
Es gibt auf Sylt zwei Arten, einer Auster zu begegnen. Die eine kostet ein paar Euro pro Stück und kommt mit Zitrone. Die andere kostet Leistungspunkte und kommt mit Gummistiefeln, Eimer und Datenblatt. Um die zweite geht es hier.
Viele Berlinerinnen und Berliner kannten Sylt lange vor allem aus einem Lied. Die Ärzte, bekanntlich eine Berliner Band, haben 1988 „Westerland“ rausgebracht, und seitdem hat die halbe Hauptstadt ein ziemlich genaues Bild davon, wie es hier angeblich aussieht. Das Lied läuft übrigens auch auf SYLT1 Audio. Die Biologiestudierenden der Freien Universität Berlin kennen die Insel inzwischen von einer anderen Seite: knietief.
Neun Uhr morgens am Sylter Strand. Während der Rest der Insel noch über den ersten Kaffee nachdenkt, stehen die Studierenden schon im Watt und stellen Fragen, die man sich im Urlaub eher selten stellt. Filtern Miesmuscheln anders, je nachdem, wo sie in der Gezeitenzone sitzen? Hängt die Größe einer Seepocke davon ab, wie voll es in ihrer Nachbarschaft ist? Und wer steckt den schwankenden Salzgehalt im Wattenmeer besser weg, Miesmuschel oder Auster? Die Kleiderordnung ist dabei streng: Gummistiefel. Für alle.

Die begehrtesten Gummistiefel der Uni
Die Exkursion gehört zum Modul „Evolution und Diversität der Tiere“ und ist laut campus.leben, dem Onlinemagazin der FU Berlin, so beliebt, dass die 50 Plätze zu Semesterbeginn verlost werden. Ein Platz im Sylter Watt ist damit ungefähr so begehrt wie eine bezahlbare Wohnung auf der Insel. Nur dass hier wenigstens das Los entscheidet.
Zwei Wochen dauert der Kurs. In der ersten sitzen die Studierenden in Berlin in Vorlesungen und halten Vorträge. In der zweiten wird es nass: acht Tage Freilandforschung auf Sylt, Unterkunft in der Jugendfreizeitstätte Mövenberg.
Warum nicht einfach an den Wannsee?
Berechtigte Frage, der Wannsee liegt schließlich mit der S-Bahn erreichbar vor der Haustür. Und er hat einiges, was das Wattenmeer nicht hat: einen eigenen S-Bahnhof, eines der größten Binnenseebäder Europas und Wasser, das sich zuverlässig nicht vom Fleck bewegt. Wer am Wannsee morgens sein Handtuch ans Ufer legt, findet das Ufer abends genau dort wieder.
Genau das ist das Problem. Der Wannsee ist ein Teil der Havel, also Süßwasser. Keine Gezeiten, kein Salz, keine Seepocken, keine Austernbank, keine Miesmuscheln. Die Muschel, die man dort findet, ist die Dreikantmuschel, ein Süßwasser-Zuwanderer. Für Fragen nach Ebbe, Flut und Salzgehalt muss man also dahin, wo das Meer zweimal am Tag kommt und geht. Und das ist eben nicht Berlin-Zehlendorf.

Das Watt hat keinen Stundenplan
In kleinen Gruppen denken sich die Studierenden eigene Forschungsfragen aus, begleitet von den Biologen Jens Rolff und Dirk Mikolajewski sowie einigen Tutorinnen und Tutoren. Und dann lernen sie, was auf Sylt jedes Kind weiß: Den Tagesablauf bestimmt hier nicht der Mensch, sondern die Tide. Einige Projekte hängen fest an den Gezeiten, also geht es mal sehr früh raus und mal sehr spät noch einmal los.
Wenn das Werkzeug nicht reicht, wird gebastelt. Eine Gruppe hat sich eine eigene Halterung gebaut, um mit der Kamera durchs Binokular zu fotografieren. Auf der Insel nennt man so etwas Improvisieren. In der Wissenschaft heißt es Methodik.

„Man lernt aus seinen eigenen Taten, aus seinen eigenen Aktionen“, sagt Student Paul. Statt einer Klausur steht am Ende ein Bericht im Stil einer echten wissenschaftlichen Veröffentlichung. „Einfach super cool“, findet Paulina, „weil das so nah an der tatsächlichen Forschungsrealität dran ist.“ Die Muscheln wurden dazu nicht befragt.
Auf dem Programm steht auch ein Besuch der Wattenmeerstation Sylt des Alfred-Wegener-Instituts in List. Dozent Dirk Mikolajewski schätzt an der Woche etwas, das manche Sylt-Gäste erst im November entdecken: „Uns gefällt diese Abgeschirmtheit und der komplette Fokus auf die Projekte der Studierenden.“ In der Exkursionswoche entstehe auch ein Gemeinschaftsgefühl. Wer acht Tage zusammen Eimer durchs Watt trägt, kennt sich danach eben.

Ein Job, der wichtiger ist, als er in Gummistiefeln aussieht
So viel Augenzwinkern bei Muscheln und Seepocken, so ernst ist die Sache dahinter. Miesmuscheln filtern Wasser, Muschelbänke sind Kinderstube und Speisekammer für unzählige andere Arten, und das Wattenmeer vor unserer Haustür gehört zum Weltnaturerbe. Wie gut seine Bewohner mit schwankendem Salzgehalt zurechtkommen oder wo sie in der Gezeitenzone am besten leben, sind keine Fragen für die Schublade. Es sind genau die Fragen, die man beantworten können muss, wenn sich Meer und Klima verändern.
Wer hier mit dem Eimer übers Watt stapft, übt also für einen Beruf, den die Küste dringend braucht: genau hinschauen, sauber messen, ehrlich aufschreiben, was man gefunden hat. Aus einigen dieser Studierenden werden die Forscherinnen und Forscher, die später erklären, was mit dem Wattenmeer passiert und wie man es schützt. Ihre Mission beginnt mit einer Muschel und einem Datenblatt. Sie endet hoffentlich mit einem Watt, das auch in fünfzig Jahren noch zweimal am Tag kommt und geht.
Für Sylt ist das ein Geschenk. Die Insel wird gern auf Preise, Promis und Parkplätze reduziert. Jedes Jahr fahren junge Biologinnen und Biologen nach Berlin zurück, die wissen, dass Sylt auch ein Hörsaal mit Tidenkalender ist. Gerade nach einem Herbststurm lohnt sich dieser Blick doppelt, denn die beste Frage für so einen Morgen hat die FU unter eines ihrer Fotos geschrieben: Was hat die Flut gebracht? Und wer das nächste Mal Austern bestellt, darf kurz daran denken, dass da draußen gerade jemand nachmisst, wie es ihren Verwandten geht.
Fotos: Jens Rolff / Freie Universität Berlin. Quelle: „Seepocken, Miesmuscheln und Gummistiefel“, campus.leben, Freie Universität Berlin
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