Wir wissen, wo gemordet wird. Und wir verraten es nicht.
Zurzeit ist auf Sylt wieder ein Filmteam für „Nord Nord Mord“ unterwegs. Wir wissen, wo. Sie erfahren es trotzdem nicht von uns, und das hat gute Gründe.
Es gibt Momente, in denen Lokaljournalismus Charakter verlangt. Das ist so einer. Auf der Insel wird wieder gemordet, natürlich nur fürs Fernsehen. Kameras stehen herum, Kabel liegen über dem Gehweg, und irgendwo blickt jemand sehr ernst auf eine Leiche, die zwischen zwei Einstellungen gerne einen Kaffee hätte. Wir wissen, an welcher Ecke das passiert. Wir wissen sogar ungefähr, wann. Und wir schreiben es nicht.
Das fällt uns schwer, das geben wir zu. Ein Satz wie „Heute ab 10 Uhr wird in der Straße XY gedreht“ wäre ein Klick-Garant. Wir sähen die Zugriffszahlen schon steigen, wie die Nordsee bei Westwind. Und eine Stunde später stünden dann zweihundert Menschen mit gezücktem Handy hinter dem Absperrband, mittendrin der Hund, der unbedingt aufs Bild will.
Genau das wollen wir nicht.
Mord ist Handarbeit
Ein Krimi entsteht nicht von allein. Hinter einer einzigen Szene, die im Fernsehen vielleicht vierzig Sekunden dauert, stecken oft Stunden Arbeit. Licht wird gesetzt, verworfen und neu gesetzt. Ein Satz wird zwölfmal gesprochen, weil beim elften Mal eine Möwe dazwischengeschrien hat. Dann zieht eine Wolke vor die Sonne, und alles beginnt von vorn.
Dazu braucht es vor allem eines: Ruhe. Ein Filmset ist kein Streichelzoo und auch kein Fan-Event, sondern ein Arbeitsplatz. Die Leute dort machen ihren Job, wie die Kollegin an der Supermarktkasse oder der Handwerker auf dem Dach. Bei denen stellt sich auch niemand mit fünfzig Leuten daneben und ruft: „Kannst du nochmal hämmern, ich hatte das Handy noch nicht an?“
Respekt unter Kollegen
Wir machen selbst Fernsehen, in kleinerem Maßstab, aber mit demselben Grundproblem. Wir wissen, wie es ist, wenn man gerade die perfekte Einstellung hat und dann jemand durchs Bild läuft und winkt. Wir wissen auch, wie oft man „Ruhe bitte!“ sagen kann, bevor man selbst zum Fall für die Kriminalpolizei wird. Wobei wir uns natürlich freuen, dass man mit uns das Gespräch sucht. Wir sind allerdings auch nicht so prominent.
Darum halten wir den Mund, aus Kollegialität. Wer auf der Insel arbeitet, soll in Ruhe arbeiten dürfen, auch wenn er dabei zufällig eine Leiche ins Watt legt.
Was Sie stattdessen tun können
Sollten Sie zufällig an einem Drehort vorbeikommen, was auf einer Insel dieser Größe durchaus passieren kann, dann gilt: freundlich lächeln, weitergehen, keine Selfies mit der Spurensicherung. Den Anweisungen der Leute mit den Funkgeräten folgen. Die meinen das nicht böse, die wollen nur pünktlich Feierabend machen.
Und dann warten Sie einfach, bis die Folge ausgestrahlt wird. Dann dürfen Sie vor dem Fernseher sitzen und mit stolzgeschwellter Brust rufen: „Da! Da war ich mal Brötchen holen!“
Das ist ohnehin viel schöner. Und vor allem stört es niemanden bei der Arbeit.
Wo genau gedreht wird, bleibt also unser Geheimnis. Wir sind schließlich Journalisten und keine Komplizen.
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