Keitum, Ende Juli. Es gibt Sätze, die klingen so sehr nach Sylt, dass man sie eigentlich nur im Loden aussprechen dürfte. „Wenn Ende Juli auf den Wiesen in Keitum wieder der erste Ball eingeworfen wird“ ist so einer. Und tatsächlich: Vom 29. Juli bis 2. August 2026 verwandelt sich die Insel zum fast dreißigsten Mal in die vermutlich norddeutschste Bühne des internationalen Polosports — jenes Sports, bei dem Menschen auf 130 km/h schnelle Bälle zielen und dabei aussehen, als hätten sie nie im Leben geschwitzt.
Was da eigentlich passiert
Seit fast drei Jahrzehnten kombinieren die Berenberg German Polo Masters Spitzensport mit dieser ganz speziellen Sylter Atmosphäre — Sie wissen schon: Wiese, Wind, Weißwein, Weltklasse. Fünf Tage lang treten Teams aus Deutschland, Argentinien, Schottland und der Schweiz gegeneinander an, unterstützt von über 120 hervorragend ausgebildeten Polopferden, die den ganzen Zirkus ohnehin am Laufen halten und dafür weder Applaus noch Champagner bekommen. Das ist die eigentliche Ungerechtigkeit dieses Sports.
Die Frauen greifen an
Gleich drei Frauen stehen 2026 auf dem Spielfeld, und das ist erfreulich unspektakulär formuliert für etwas, das im Polo lange als Randnotiz galt. Vanessa Schockemöhle zählt seit Jahren zu den erfolgreichsten deutschen Polospielerinnen, Sophie Schmidt gehört zum vielversprechenden Nachwuchs der Hamburger Szene — und Ann-Kathrin Braendle tritt erstmals als Teamcaptain für Clé de Peau Beauté an. Ein Kosmetikkonzern als Namensgeber eines Poloteams: Man muss diese Welt einfach lieben.
Erfahrung, Generationen und frischer Wind
Team Berenberg setzt auf Captain Udo Klein-Boelting, der das Turnier bereits 2023 gewann und mit Lala Laplacette und Francisco Macloughlin gleich zwei der besten Spieler hinter sich versammelt. Bei Burckhardt’s Glide treten mit Christopher Kirsch und seinen beiden Söhnen sogar drei Generationen gelebter Pololeidenschaft an — herzerwärmend, solange man nicht gegen sie spielen muss.
Und dann ist da Team PONY, neu formiert, jung, deutsch und offenbar entschlossen, den Etablierten die Sonntagsruhe zu verderben. Passenderweise findet am 1. August die Players Party im PONY in Kampen statt — man bleibt gern unter sich.
Rund ums Spielfeld: das Pagodendorf
Denn — und das weiß auf Sylt jeder — das Spiel ist nur die halbe Miete. Rund um den Platz reihen sich die weißen Zelte des Pagodendorfs aneinander: Mode, Design, Lifestyle und kulinarische Spezialitäten „zum Verweilen“. Mit dabei u. a. 4Individuals, Alps and Beach, Christin Fabian Cashmere, Element of Sweden, Nudebutter by Andi Wiehler und der Para Para Verlag. BMW präsentiert das neue 7er-Flaggschiff — weil ein Poloturnier ohne mindestens eine deutsche Limousine juristisch vermutlich gar nicht stattfinden darf.
Polo 1×1 — für alle, die mitreden wollen
Das Spielfeld: ca. 275 m lang, 145 m breit — also gut fünf Fußballfelder. Kleinigkeit.
Der Ball: ca. 130 g, heute meist Kunststoff, im vollen Flug bis zu 130 km/h.
Gespielt wird ausschließlich mit der rechten Hand — Linkshänder müssen umlernen. Willkommen im 21. Jahrhundert.
Das Handicap reicht von –2 (Einsteiger) bis +10 (Weltspitze). Aktuell erreicht weltweit nur eine Handvoll Spieler die +10.
Die Line of the Ball — das „Wegerecht“ — ist die heilige Linie, die niemand kreuzen darf. Sicherheit vor Ehrgeiz.
Ein Chukker dauert 7,5 Minuten, danach wird das Pferd gewechselt; kein Pferd spielt in zwei Chukkern hintereinander. Nach jedem Tor wechselt die Spielrichtung — was Zuschauer zuverlässig verwirrt.
Der Fahrplan
Neun Vorrundenspiele verteilen sich auf Mittwoch bis Samstag, jeweils ab 12 Uhr Geländeöffnung:
Tag Highlights
Mi, 29.7. PONY–Different Fashion · Clé de Peau–König Sylt · Burckhardt’s Glide–Berenberg
Do, 30.7. Clé de Peau–Different Fashion · König Sylt–Burckhardt’s Glide
Fr, 31.7. PONY–König Sylt · Different Fashion–Berenberg
Sa, 1.8. Clé de Peau–Burckhardt’s Glide · PONY–Berenberg + Players Party
So, 2.8. Platzierungsspiele, Finale um 16 Uhr
Zum Abschluss am Sonntag gegen 17:30 Uhr die Siegerehrung: Auszeichnung von Best Playing Pony und Most Valuable Player, Übergabe der Berenberg Trophy und „Ausklang mit Musik & Drinks auf dem Poloplatz“. Man kennt das Ritual.
Was es kostet
Tag Eintritt
Mi, 29.7. 20,00 €
Do, 30.7. 15,00 €
Fr, 31.7. 15,00 €
Sa, 1.8. 20,00 €
So, 2.8. 25,00 €
Kinder bis einschließlich 12 Jahre frei. Und — hier lächelt der Insulaner wissend — Sylter mit Erstwohnsitz zahlen nur den halben Preis (gegen Vorlage des Personalausweises). Tickets an der Tageskasse nur gegen Barzahlung, sonst online über Eventim Light. Die Polo Club Sylt Lounge bleibt am Wochenende erwartungsgemäß „nur mit Einladung“.
Fünf Tage Pferde, Chukker, Pagodenzelte und weißer Glanz auf den Keitumer Wiesen. Der Sport ist echt, die Pferde sind großartig, die Stimmung entspannt — und wer sich zwischendurch fragt, ob das alles nicht ein bisschen viel Cashmere für ein Sportevent ist, dem sei gesagt: Es ist Sylt. Genau so soll es sein.
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