Am Donnerstagabend war auf der Strandstraße in Wenningstedt zu hören, was drinnen im Saal am Kliff los war, und das genügte als Einladung. Spaziergänger blieben stehen, kamen herein und schafften es zum Teil erst einmal nur bis zur Tür. Von dort schauten sie staunend in einen gut gefüllten Saal, in dem der Norddörfer Musikverein sein Jubiläumskonzert spielte. Um 19 Uhr ging es los, nach rund zwei Stunden war Schluss.
Vom Opernkeller in die Stahlhütte
Das Programm reiste quer durch die Musicalbühnen und Kinosäle. Das Phantom der Oper war dabei, eine eigene Interpretation des Flashdance-Soundtracks und My Fair Lady.
Wer die Stoffe kennt, entdeckt eine Gemeinsamkeit. Andrew Lloyd Webbers Phantom haust seit der Londoner Uraufführung 1986 in den Gewölben unter der Pariser Oper und schreibt dort nebenbei Musik. Alex, die Heldin aus „Flashdance“ von 1983, arbeitet tagsüber als Schweißerin in Pittsburgh und tanzt abends. Eliza Doolittle aus „My Fair Lady“, 1956 am Broadway uraufgeführt, verkauft Blumen und lernt nebenher bei Professor Higgins die feine Aussprache. Alle drei machen neben dem eigentlichen Leben noch etwas ganz anderes, und zwar mit Hingabe. Für ein Amateurorchester, in dem laut Verein 18 Musikerinnen und Musiker zwischen 16 und 72 Jahren spielen, ist das eine ziemlich treffende Auswahl.
Zwischen den Stücken stellte sich der Verein charmant selbst vor: wann geprobt wird, wie es läuft und dass jeder, der mitspielen möchte, herzlich eingeladen ist. Nachwuchswerbung zwischen Paris und Pittsburgh. Der Verein bildet schon länger selbst aus: Seit 2019 unterrichtet er an der offenen Ganztagsschule Norddörfer, gemeinsam mit der Gemeinde Wenningstedt wurden dafür 13 Kornette und 3 Posaunen angeschafft.
Ein Rocker lernt das Leisespielen
Am Schlagzeug saß Scan Maron. Auf der Insel kennt man ihn als Schlagzeuger von Mungo Park, der 1996 gegründeten Sylter Band, die Sylt1 als älteste Band der Insel vorgestellt hat. Mungo Park spielt nach eigener Beschreibung anarcho-popige und deutschrockige Musik, als Einflüsse nennt die Band Nina Hagen, Frank Zappa, die Broilers und die Ramones. Von dort bis zu My Fair Lady ist es ein weiter Weg, und Maron geht ihn inzwischen regelmäßig: Er spielt jetzt auch im Blasorchester. Nebenbei feiert er damit gleich zwei Jubiläen in einem Jahr, 100 Jahre Musikverein und 30 Jahre Mungo Park.









Die ersten Auftritte im Verein hat er noch aus dem Bauch heraus bestritten. „Anfangs habe ich noch nach Gefühl gespielt“, sagt er. „Aber mit 70 Titeln plus den eigenen aus der Band ist man irgendwann auch voll. Da sind Noten schon eine große Hilfe.“
Die eigentliche Kunst liege allerdings woanders, nämlich im Leisespielen. Das sei man als Rocker nicht unbedingt gewohnt. Wer schon einmal neben einem Schlagzeug gestanden hat, ahnt, wie viel Selbstbeherrschung in so einem Pianissimo steckt. Erst recht, wenn vorne das Blech sitzt, das von Lautstärke ebenfalls einiges versteht.
Erst die Gala, dann die Musik
Gefeiert hatte der Verein fünf Tage vorher am selben Ort. Zur Jubiläumsgala am 5. September kamen rund 160 geladene Gäste, darunter Kreispräsident Frank Zahel, Kampens Bürgermeisterin Steffi Böhm, Wenningstedts Bürgermeister Kai Müller, Bürgervorsteher Andreas Dobrzinski von der Gemeinde Sylt, Kay Prieß, Präsident des Musikerverbands Schleswig-Holstein, sowie mehrere Wehrführer der Feuerwehren.
Moderatorin Imke Wein drängte nach Angaben des Vereins „charmant aber bestimmt“ auf die Einhaltung des Zeitplans. Bei einer Veranstaltung mit mehreren Grußworten aus Kreis und Gemeinden verdient das eigene Anerkennung. Nicola Katz vom befreundeten Westerländer Musikverein hielt eine bewegende Rede über die gemeinsame Geschichte und die Zukunft, und die Westerländer brachten auch gleich die Jubiläumstorte mit. Danach gab es Buffet, eine Fotobox und Tanz zu House, Rock und Sirtaki. Dass eine Blasorchester-Gala beim Sirtaki landet, stand vermutlich in keinem offiziellen Zeitplan.
Hundert Jahre, genau genommen 130
Wer nachrechnet, stößt auf eine kleine Unschärfe zugunsten der Bescheidenheit. Gegründet wurde der Verein 1896 als Feuerwehrmusikzug. 1926 ging daraus das Amateurblasorchester der Inselgemeinden Wenningstedt, Braderup und Kampen hervor, und von diesem Jahr an zählen die hundert Jahre. Die ersten dreißig lässt man großzügig unter den Tisch fallen. Die Verbindung zur Feuerwehr ist bis heute geblieben: Der Verein versteht sich weiterhin als Feuerwehrmusikzug und zugleich als musikalisches Aushängeschild der Norddörfer.
Wie es weitergeht
Im November ist das Orchester beim Laternelaufen in Hörnum (11. November) und Wenningstedt (14. November) sowie am Volkstrauertag in Wenningstedt und Kampen (15. November) zu hören. Das nächste Konzert folgt in der Weihnachtszeit, am 10. Dezember um 19 Uhr in der Friesenkapelle, auf den Tag genau drei Monate nach dem Jubiläumskonzert. Ob aus den 70 Titeln bis dahin 75 geworden sind, wird man dann hören.
Norddörfer Musikverein Sylt e. V. // Nächstes Konzert: Donnerstag, 10. Dezember 2026, 19 Uhr, Friesenkapelle Wenningstedt. Wer mitspielen oder den Verein als Fördermitglied unterstützen möchte, findet Kontakt und Informationen unter nmvsylt.de.
Häufige Fragen
Wann war das Jubiläumskonzert des Norddörfer Musikvereins? Am Donnerstag, 10. September 2026, ab 19 Uhr im Saal am Kliff in Wenningstedt. Es dauerte rund zwei Stunden.
Wie alt ist der Norddörfer Musikverein? Das Blasorchester besteht seit 1926. Seine Wurzeln reichen bis 1896 zurück, als der Feuerwehrmusikzug gegründet wurde.
Was wurde gespielt? Unter anderem Musik aus „Das Phantom der Oper“, „Flashdance“ und „My Fair Lady“.
Kann man im Norddörfer Musikverein mitspielen? Ja, der Verein lädt Interessierte ausdrücklich ein. Kontakt über nmvsylt.de.
Wann spielt der Verein das nächste Mal? Im November beim Laternelaufen und am Volkstrauertag, das nächste Konzert ist am 10. Dezember 2026 um 19 Uhr in der Friesenkapelle.
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