Westerland. Es gibt Orte, über die redet jahrelang niemand — bis sich etwas ändert. Der Gehweg an der Mauer beim Parkplatz Pieten ist so ein Ort. Jahrelang tat dort eine betagte Absperrung still ihren Dienst, unauffällig, ein bisschen rostmüde, aber pflichtbewusst. Jetzt ist sie in Rente gegangen — und an ihrer Stelle steht etwas, das ehrlich gesagt richtig gut aussieht.
Sicherheit, die man nicht wie eine Baustelle anschaut
Die neue Absturzsicherung aus Holz verhindert, was eine Absturzsicherung eben verhindern soll: dass Fußgängerinnen und Fußgänger über die Mauer in den bis zu 1,40 Meter tiefer liegenden Bereich purzeln. So weit, so pflichtgemäß. Das Bemerkenswerte ist, wie die Gemeinde Sylt diese Pflicht erledigt hat.
Statt der üblichen Metallabsperrung — Sie kennen den Charme: praktisch, grau, unverwüstlich, ungefähr so einladend wie ein Bauzaun — hat man sich für eine geschwungene Holzkonstruktion entschieden. Ihre Form orientiert sich an den Wellen der Sylter Küste und verleiht dem Bereich, wie es im Amtsdeutsch so schön heißt, „eine freundliche und natürliche Atmosphäre“. Übersetzt: Man geht daran vorbei und denkt kurz „oh, hübsch“ statt „oh, Absperrung“.
Fünf Bänke — und die eigentliche Pointe
Und dann sind da noch fünf Sitzbänke, in den Gehweg integriert. Klingt nach einer Fußnote, ist aber vielleicht das Herzstück der ganzen Sache. Denn wer den Alltag an dieser Ecke kennt, weiß: Hier schleppen Menschen ihre Einkäufe Richtung Bushaltestelle — und nicht jede und jeder ist dabei zwanzig und federleicht bepackt. Fünf Bänke bedeuten fünf Gelegenheiten, die Tüten kurz abzustellen, durchzuatmen, das Herz beruhigen und den Bus in Ruhe kommen zu lassen. Das ist keine Deko. Das ist Rücksicht in Holzform.
„Uns war wichtig, die notwendige Verkehrssicherheit mit einer Lösung zu verbinden, die sich gut in das Ortsbild einfügt. Die neue Absturzsicherung erfüllt ihren Zweck und schafft gleichzeitig einen Ort, an dem man gerne einen Moment verweilt“, sagt Sven Schnaars vom Tiefbau der Gemeinde Sylt. Man merkt: Da hat jemand nicht nur an die Statik gedacht, sondern auch an die Menschen, die sich draufsetzen.
Die Kritik — natürlich gab es Kritik
Und weil wir auf Sylt sind, wo bekanntlich über alles diskutiert wird außer über die Frage, ob man überhaupt diskutieren soll: Ja, es gab Kritik. Gibt es immer. Das ist beinahe ein Naturgesetz — so verlässlich wie der Westwind.
Baut die Gemeinde etwas, ist es zu teuer, zu bunt, zu geschwungen. Baut sie nichts, ist es marode, gefährlich, ein Skandal. Man kann es, ehrlich gesagt, niemandem recht machen — und wer es allen recht machen will, baut am Ende gar nichts mehr. Insofern: geschenkt.
Denn der Fakt bleibt hübsch unbestechlich. Am Ende steht dort eine sichere Absturzsicherung, wo vorher eine müde Absperrung stand. Der Bereich ist optisch aufgewertet. Und es gibt fünf Bänke für Menschen, die sie wirklich gebrauchen können. Man muss das nicht mögen. Aber schlechtreden lässt es sich, bei aller Liebe zur Sylter Debattierfreude, auch nur schwer.
Die Gemeinde Sylt hat aus einer Pflichtaufgabe eine kleine, freundliche Geste gemacht: Sicherheit, die aussieht wie die Wellen vor der Haustür, und Bänke, die dort stehen, wo Menschen sie brauchen. Kein Weltwunder — aber genau die Art unaufgeregter Aufwertung, von der ein Ort im Alltag mehr hat als von manch größerer Geste. Setzen wir uns doch einfach mal kurz hin und schauen aufs Meer der Holzwellen. Passt schon.
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