Lange vor dem YouTube-Hype rollten auf Sylt schon Kids über den Asphalt. Die Insel war für den Rollsport, was Kalifornien für die ganze Welt war: ein Sehnsuchtsort mit Wind, Weite und dem richtigen Lebensgefühl. Eine Spurensuche – und die Geschichte, wie 2014 in List der größte Longboard-Moment Deutschlands begann.
Der erste Boom kam mit der Welle
Als Mitte der 1970er die ersten Skateboards aus Kalifornien nach Deutschland schwappten, war das mehr als ein Sportgerät – es war ein Stück importiertes Lebensgefühl. Surfen ohne Meer, Freiheit auf vier Rollen. Und wo, wenn nicht auf Sylt, hätte dieses Gefühl besseren Boden gefunden? Die Insel lebte ohnehin von Wind, Wasser und einer Prise Westküsten-Attitüde. Was in Malibu die Welle war, war hier der endlose, glatte Asphalt der Inselstraßen.
Während der Rest der Republik den neuen Trend noch skeptisch beäugte, standen die Sylter Kids längst auf dem Brett. [Hier deine Erinnerung: Wo genau wurde gefahren? Der Parkplatz an … / die Promenade in Westerland / die Straßen rund um …] Es war eine kleine, verschworene Truppe – man kannte sich, man teilte die wenigen Boards, die es überhaupt gab.
Sylt, bevor Titus kam
Man muss sich das vor Augen führen: Als Titus Dittmann Ende der 1970er in Münster begann, Boards aus den USA zu importieren und daraus über die Jahre eine ganze Industrie zu formen, war Sylt keine unbeschriebene Seite mehr. Auf der Insel rollte man schon.
Das macht Sylt zu so etwas wie dem Ground Zero des deutschen Rollsports – nicht, weil hier die Firmen saßen oder das große Geld gemacht wurde, sondern weil hier das Gefühl früher da war als anderswo. Sylt hatte den Rollsport im Blut, bevor der Rest des Landes wusste, wie man ihn buchstabiert.
[Optionaler Absatz für dich: Namen der ersten Sylter Skater, erste selbstgebaute Rampen, der Laden/Kiosk, an dem es die ersten Boards gab. Genau diese Details machen den Artikel unverwechselbar.]
Zwei Jahrzehnte Auf und Ab
Wie überall folgte auf den ersten Rausch die Ernüchterung. Der 70er-Boom flaute ab, das Skateboard verschwand für einige Zeit fast wieder aus dem Straßenbild – um in den 80ern und 90ern in neuer Form zurückzukehren: härter, städtischer, mit Streetstyle und Halfpipe. Die Sylter Szene lebte in dieser Zeit von den Hartgesottenen, die drangeblieben waren.
Der Kreis schließt sich im Multipark
Heute schließt sich der Kreis dort, wo er hingehört: auf Sylt selbst. Mit dem neuen Skatepark im Multipark hat die Insel wieder einen festen Ort für den Rollsport – und die nächste Generation macht dort weiter, wo vor bald fünf Jahrzehnten alles begann. Was einst improvisiert auf Parkplätzen und Promenaden stattfand, hat endlich ein Zuhause.
Als die Insel den Youtubern gehörte: Der Longboard-Start 2014
Doch zwischen der stillen Frühzeit und dem heutigen Skatepark liegt ein Moment, der Sylt noch einmal in den Mittelpunkt einer ganzen Jugendbewegung rückte.
Ein Video, 20 Millionen Klicks, ein neuer Trend
Es begann, wie so vieles in diesen Jahren, mit einem Video. 2011 lief auf YouTube ein Clip namens „Pintail Longboards“ der amerikanischen Marke Original Skateboards – rund 20 Millionen Mal aufgerufen. Was in den USA längst Kult war, kam damit in Deutschland an. Und dann ging es schnell.
Zunächst rümpften die klassischen Skateboarder die Nase über die langen, bequemen Bretter. Doch der Sport ließ sich nicht aufhalten. In den Folgejahren schien jeder ein Longboard kaufen zu wollen – und kaufte sich eins. Von München bis Sylt sah man plötzlich Familienväter mit ihren Kindern die Straßen entlangrollen.
40 Tage, von List bis Neuschwanstein
Im September 2014 fiel der Startschuss – und zwar in List auf Sylt. Von der Nordspitze der Insel aus rollte eine Gruppe junger Youtuber los, 40 Tage lang, quer durch die Republik, bis vor die Kulisse von Schloss Neuschwanstein. Dass Sylt der Ausgangspunkt war, war kein Zufall: Hier hatte der deutsche Rollsport seine Wurzeln.
Die Hysterie, die man sich heute kaum vorstellen kann
Welche Hysterie diese Tour der Youtuber um Unge und Dner auslöste, kann man sich heute kaum noch vorstellen. Die Jungs wurden in ihren Hotels regelrecht belagert. Wo sie auftauchten, standen binnen Minuten Trauben von Teenagern – Kinder, die ihre YouTube-Stars einmal live erleben wollten.
Ich habe das aus nächster Nähe miterlebt. Gemeinsam mit Sepp Brückmann und Nick Bosch betrieb ich damals das wohl erfolgreichste deutsche Longboard-Magazin, „40 inch“. Irgendwo in Bayern trafen wir die Truppe zum Interview. Kaum standen wir zusammen, wurden wir von den Kids umringt. Es war weniger ein Interviewtermin als ein kleiner Ausnahmezustand.
Aus Hype wurde ein Vermögen
Nach über einem Jahrzehnt sind die Protagonisten der Tour erwachsen – und zum Teil erfolgreiche Unternehmer. Dner zählt heute rund 3,2 Millionen Abonnenten, Julien Bam etwa 6 Millionen, Cheng knapp eine Million. Der Longboard-Hype hat die Crew vermögend gemacht; er war für viele der Einstieg in ein hochprofitables Geschäft. Ausgerechnet Unge, der den Sport in Deutschland maßgeblich populär machte, zog daraus nicht den größten Profit.
Doch an jenem Septembertag 2014 zählte all das nicht. Da gehörten Sylt und die Insel den Jungs – der Startschuss für eine Tour, die Millionen Teenager begeisterte. Und ein weiterer Beweis dafür, dass diese Insel und der Rollsport eine Geschichte teilen, die viel weiter zurückreicht, als die meisten glauben.
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