Kampen, Sylt (spa) – Er ist das wohl meistfotografierte Bauwerk der Insel und für viele der Inbegriff von Sylt: der Kampener Leuchtturm, von den Syltern liebevoll „Langer Christian“ genannt. Kaum jemand weiß: Beinahe hätte es ihn heute nicht mehr gegeben. Nur einmal in seiner 170-jährigen Geschichte musste der Turm um seine Existenz bangen – und die Bedrohung kam nicht vom Meer, sondern von der Wehrmacht.
Sprengung geplant: Der Turm sollte dem Fliegerhorst weichen
Ende der 1930er Jahre baute die Wehrmacht Sylt massiv zur Festung aus. Die Pläne sahen vor, große Teile der Braderuper Heide – in der auch der Leuchtturm steht – für den Ausbau des Fliegerhorstes einzuebnen. Der Lange Christian stand dem Vorhaben buchstäblich im Weg: Er sollte gesprengt werden.
Dass es nie dazu kam, verdankt der Turm einer Wende des Kriegsverlaufs: Mit der Besetzung Dänemarks und Norwegens im April 1940 verlor Sylt schlagartig seine strategische Bedeutung als vorgeschobener Posten gegen Norden – und mit ihr wurden auch die Sprengpläne hinfällig. Der Fliegerhorst wurde nie in der geplanten Dimension ausgebaut, der Turm blieb stehen.
Die Spuren dieser Zeit liegen bis heute im Boden: In der unmittelbaren Nachbarschaft des Turms – genau dort, wo der Fliegerhorst entstehen sollte – wechseln sich Bunkeranlagen mit jahrtausendealten Tonscherben ab. Militärgeschichte und Vorgeschichte, Schicht über Schicht.
Ein dänischer Turm mit geliehenem Namen
Dabei war der Turm selbst einmal ein Prestigeprojekt – allerdings ein dänisches. Seine Geburtsurkunde ist ein amtliches Dokument: Mit Bekanntmachung des Königlich Dänischen Marineministeriums vom 4. Januar 1855 – veröffentlicht als Nachricht für Seefahrer No. 186 (Bremen, 16. Januar 1855) – kündigte Kopenhagen „das neue Leuchtfeuer in der Nähe des rothen Klifs (Röde Klif) auf der Insel Sylt“ an. König Friedrich VII. von Dänemark hatte den Bau 1853 in Auftrag gegeben, seine Initialen sind bis heute am Turm zu sehen. Am 1. März 1856 brannte das Feuer zum ersten Mal.
Über ein Jahrhundert hieß der Turm offiziell „Rotes Kliff“: Die amtlichen Leuchtfeuerverzeichnisse führen ihn 1859 als „Rödecliff“, 1866 und 1872 als „Rothes Kliff“, 1878 als „Rote Kliff … beim Dorfe Campen“, ebenso 1914 und noch 1950. Erst die Nachricht für Seefahrer Nr. 1804 vom 24. Mai 1975 dokumentiert die Umbenennung in „Kampen“.
Nur: Mit dem eigentlichen Kliff hat der Standort weniger zu tun, als der Name vermuten lässt. Der Turm steht nicht an der Abbruchkante, sondern deutlich weiter landeinwärts auf dem Geestkern der Insel – das Verzeichnis von 1914 formulierte es präzise: „landeinwärts von diesem ziemlich steilen Abhang, ungefähr in der Mitte der Insel“. Die Dänen benannten das neue Feuer schlicht nach der markantesten Landmarke der Umgebung. Der Überlieferung nach soll an dieser erhöhten Stelle übrigens schon lange vor dem Leuchtturm ein Signalfeuer für die Seefahrt gebrannt haben – schriftliche Belege dafür stehen allerdings noch aus.
Schwarz-weiß erst seit 1953
Auch sein berühmtes Aussehen trägt der Turm noch gar nicht so lange. Fast 100 Jahre zeigte sich der aus gelben Bornholmer Klinkern gemauerte Turm gelb-grau – die Farbe der verwitterten Ziegel. Erst 1953 erhielt er seine schwarz-weiße Tageskennung: ein eindeutiges Erkennungsmuster, an dem Seeleute den Turm auch bei Tag – wenn kein Feuer brennt – zweifelsfrei von den anderen Türmen der Küste unterscheiden können. Damit ist er bis heute der einzige schwarz-weiße Leuchtturm an der deutschen Nordseeküste. Das aktuelle Leuchtfeuerverzeichnis beschreibt ihn nüchtern als „Schwarz/weißer Turm horizontal gestreift, auf Rote Kliff“.
3.200 Jahre Geschichte vor der Haustür
Dass der Boden rund um den Turm Geschichte birgt, zeigte sich zuletzt eindrucksvoll: Rund um den Langen Christian liegen bronzezeitliche Grabhügel, etwa 3.200 Jahre alt. Bei archäologischen Voruntersuchungen in einem geplanten Baugebiet direkt vor dem Leuchtturm stießen Archäologen des Landesamtes Schleswig-Holstein auf prähistorische Siedlungsgruben mit zahlreichen Keramikscherben aus der vorrömischen Eisenzeit bis zur römischen Kaiserzeit (ca. 650 v. Chr. bis 400 n. Chr.) – Zeugnisse von Menschen, die hier siedelten, als Sylt noch Teil des Festlandes war (SYLT1 berichtete).
So erzählt der Hügel, auf dem der schwarz-weiße Turm steht, gleich mehrere Geschichten auf einmal: von Bestattungen der Bronzezeit, Siedlern der Eisenzeit, einem dänischen König – und von dem Tag, an dem die Wehrmacht beschloss, den Langen Christian zu sprengen, und die Geschichte es anders wollte.
Quellen
- Bekanntmachung des Königlich Dänischen Marineministeriums vom 4. Januar 1855, Nachricht für Seefahrer No. 186 (Bremen, 16. Januar 1855), dokumentiert auf baken-net.de
- Amtliche Leuchtfeuerverzeichnisse 1859, 1866, 1872, 1878, 1914, 1950, 2006 sowie NfS Nr. 1804 v. 24.5.1975 (Umbenennung in „Kampen“), dokumentiert auf baken-net.de
- Wikipedia: Leuchtturm Kampen (Baugeschichte, Tageskennung 1953, Wehrmachts-Sprengpläne)
- SYLT1: Sensation vor Kampener Leuchtturm – Archäologische Funde auf Sylt (4. September 2025)
- Signalfeuer-Vorläufer: mündliche Überlieferung, bislang ohne schriftlichen Beleg
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