Von den Dächern Sylts blicken die Möwen amüsiert auf ein tägliches Drama herab: die reale Odyssee der Insel-Pendler und das laute, aber falsche Lamento über angeblich gefangene Urlauber. So wurde auch heute im Laufe des Tages bundesweit von „gefangenen“ Urlaubern berichtet. Das stimmt natürlich nicht.
Für hunderte Pendler auf der Marschbahnstrecke ist die Situation eine Zerreißprobe. Eine endlose Kette von Zugausfällen und Verspätungen, verursacht durch defekte Weichen, kaputte Loks und Personalmangel, torpediert ihren Alltag. Chaotische Szenen an Bahnhöfen wie in Klanxbüll sind die Regel. Ein unzuverlässiger Schienenersatzverkehr verschärft das Problem. Ironischerweise hat eine kürzlich teuer installierte Weichensteuerung in Westerland die Lage nach nur 14 Tagen sogar verschlimmert. Die Folge: In den Zügen wird die Jobsuche auf dem Festland zum Hauptgesprächsthema.
Parallel dazu zeichnen einige Medien das Bild auf der Insel gestrandeter Urlauber. Ein Blick auf die Autoverladung zeigt jedoch: Es gibt Wartezeiten, was ärgerlich ist, aber von „gefangen“ kann keine Rede sein. Mit einer zweiten Autozug-Verbindung und einer Fähre ist die Insel keinesfalls abgeschnitten.
So stehen sich zwei Realitäten gegenüber: eine mehrstündige Unannehmlichkeit für Urlauber und eine existenzielle, tägliche Belastung für Pendler. Ein Betroffener blickt sorgenvoll auf den Winter: „Im Sommer am Gleis zu stehen, ist eine Sache. Im Winter wird aus dem beruflichen auch Stress für den Körper.“
Und die Möwen? Sie wissen, das wahre Chaos ist ein verlässliches, tägliches Geschäft. Und ein Fischbrötchen von einem frustrierten Wartenden fällt dabei immer ab.




