Sylt News
Teures Wasser, günstigerer Strom: Warum die Insel-Infrastruktur ihren Preis hat
WESTERLAND – Es ist das Thema der Woche auf der Insel: Die Energieversorgung Sylt (EVS) hat zum Jahreswechsel die Preise für Trink- und Abwasser angepasst. Während die SPD von „massiven Erhöhungen“ spricht und eine Rücknahme fordert, lohnt sich ein genauerer Blick auf die Zahlen und Hintergründe. Denn die Rechnung ist komplexer als ein bloßer Preisaufschlag – und sie hält auch gute Nachrichten bereit: Die Stromkosten wurden zeitgleich um rund 10 Prozent gesenkt.
Deutschlandweit im Mittelfeld, insular eine Herausforderung
Auf den ersten Blick wirkt der Sprung beim Trinkwasser von 1,57 € auf 2,12 € pro Kubikmeter enorm. Ordnet man diesen Preis jedoch in den deutschlandweiten Vergleich ein, zeigt sich: Sylt liegt damit im mittleren Durchschnitt. Viele Kommunen auf dem Festland rufen ähnliche oder höhere Preise auf, ohne dabei die logistischen Nachteile einer Insel bewältigen zu müssen.
Denn Wasserwirtschaft auf Sylt ist Hochleistungssport unter erschwerten Bedingungen. Die Versorgung von List bis Hörnum erfordert eine Infrastruktur, die weit über den Bedarf der bis zu 18.000 Einwohner hinausgeht. Die EVS muss Kläranlagen und Pumpwerke vorhalten, die im Sommer Hunderttausende Gäste bewältigen, im Winter aber im teuren Teillastbetrieb laufen („Saisonalität“). Hinzu kommt der „Sand-Faktor“: Leitungsbau in den Dünen und der Transport von Material über den Hindenburgdamm machen jede Sanierung deutlich teurer als im Binnenland.
Das Abwasser-Paradoxon
Der eigentliche Preistreiber ist das Abwasser (Anstieg auf 6,53 €/m³). Hier schlägt das „Fixkosten-Paradoxon“ zu: Da die Sylter dank moderner Geräte immer sparsamer mit Wasser umgehen (Verbrauchs-Rückgang um ca. 10 %), müssen die gleichbleibend hohen Kosten für das riesige Kanalnetz auf weniger Kubikmeter umgelegt werden. Zudem treiben gestiegene Energiekosten für die zahlreichen Pumpwerke, die das Wasser über die flache Insel bewegen müssen, den Preis.
Strukturwandel: Wer spart, wer zahlt?
Die EVS hat zudem die Gebührenstruktur modernisiert. Beim Abwasser entfällt die bisherige Grundgebühr komplett, dafür steigt der Mengenpreis.
- Der Effekt: Wenig-Verbraucher (z. B. Zweitwohnungsbesitzer) werden entlastet.
- Die Kehrseite: Familien und Dauerbewohner, bei denen die Waschmaschine täglich läuft, tragen die Hauptlast.Ein Blick auf die Statistik zeigt, wo das Wasser bleibt: Rund 36 % fließen in Körperpflege (Baden/Duschen), 27 % in die Toilettenspülung und 12 % in die Wäsche. Nur 4 % werden tatsächlich zum Essen und Trinken genutzt.
Kritikpunkt Kommunikation: Analog in einer digitalen Welt
So nachvollziehbar die technischen Gründe sind, so unglücklich war die Kommunikation. Die EVS informierte lediglich über eine kleine, zweispaltige Anzeige in der lokalen Tageszeitung. In Zeiten von Social Media und Google ist das kaum noch zeitgemäß – die Anzeige ist online praktisch unauffindbar.
Hier wurde eine Chance vertan: Eine transparente Pressemeldung an reichweitenstarke Medien wie Sylt1 (mit rund 90.000 Followern und inselweiter TV-Reichweite) hätte die Gründe erklären und den Unmut dämpfen können, bevor er entstand.
Fazit
Die Preiserhöhung ist schmerzhaft, aber angesichts der insularen Sonderlasten (Logistik, Tourismus-Peaks, Instandhaltung) wirtschaftlich kaum vermeidbar, um die Versorgungssicherheit zu garantieren. Dass im Gegenzug der Strom günstiger wird, ist ein schwacher Trost für Großfamilien, aber ein wichtiges Signal. Für die Zukunft wünscht man sich von der EVS allerdings weniger „stille Post“ per Zeitungsannonce und mehr offenen Dialog über die wahren Kosten des Lebens auf einer Sandbank.




