Die Dosenbiere sind gekühlt, die Dosenravioli stehen bereit und die Zelte sind sturmfest im Sylter Sand verankert. Willkommen zum fünften Jubiläum des wohl am besten durchgestalteten Sommerurlaubs der Republik. Nachdem das Oberverwaltungsgericht grünes Licht gegeben hat, steht fest: Das Punk-Camp auf der Tinnumer Festwiese ist offiziell wieder eine Versammlung.
Unter dem gewohnt schallenden Motto „Normalize Revolution“ beziehen bis zu 300 Punks bis zum 16. August wieder ihr gewohntes Domizil. Aber als stiller Beobachter drängt sich unweigerlich die Frage auf: Ist das hier eigentlich noch harter Straßenprotest – oder haben die Teilnehmer die Grundlagen der deutschen Versammlungsfreiheit einfach so perfekt durchgespielt, dass der Kreis Nordfriesland ihnen nun einen kostenlosen Premium-Campingplatz verwalten muss?
Gesetzlich verordnete Revolte: Anarchie nach DIN-Norm
Wer glaubt, dass Anarchie auf der Insel ein wildes Chaos bedeutet, hat die Rechnung ohne den deutschen Auflagenbescheid gemacht. Die Bauanleitung für diese Revolution steht diesmal nicht im Parteiprogramm, sondern quasi schwarz auf weiß auf Europaletten getackert.
Damit der Protest auch amtlich geordnet abläuft, müssen sich die Teilnehmer an feinsäuberlich diktierte Spielregeln halten:
- Mittagsruhe von 13:00 bis 15:00 Uhr: Der Kapitalismus wird bekämpft – aber bitte nicht, wenn die Nachbarn ihren Nachmittagsschlaf machen. Um Punkt 13:00 Uhr muss der Vorverstärker runtergedreht werden.
- Nachtruhe ab 22:00 Uhr: Revolution macht müde. Ab zehn Uhr abends ist auf dem Gelände Zimmerlautstärke angesagt.
- Verpflegung & Sanität: Chemietoiletten müssen bereitstehen, die Wasser- und Stromversorgung ist geregelt, ein gemeinsames Kochzelt ist erlaubt.
- Feuerverbot: Grillen, offenes Feuer und Pyrotechnik sind streng untersagt. Wenn die Schikane brennt, dann bitte nur im übertragenen Sinne.
Das Paradoxon der Versammlungsfreiheit: Die Teilnehmer reisen an, um den Eliten auf der Insel den Spiegel vorzuhalten. Am Ende sorgen Gerichte, Polizeikräfte und Kreisverwaltungen dafür, dass 300 Punks vier Wochen lang idyllisch und bürokratisch bestens abgesichert im Grünen zelten dürfen. Ein wahrer Traum von Demokratie!
Protest oder das Ausnutzen eines Rechtsstaats-Hacks?
Man muss die deutsche Justiz fast schon dafür bewundern. Während der Kreis im noch ausstehenden Hauptsacheverfahren immer noch darüber grübelt, ob das Ganze nun wirklich eine politische Kundgebung oder schlicht ein getarnter All-Inclusive-Zelturlaub ist, genießen die Punks die Vorzüge des Systems.
Für den durchschnittlichen Sylter Urlauber kostet die Woche im Reetdachhaus vierstellige Beträge. Für das Protestcamp reichen ein formeller Antrag, eine handvoll Dosenbier und das Grundgesetz. Man kann das als schnödes Ausnutzen einer demokratischen Spielregel bezeichnen – oder einfach als extrem effiziente Nutzung der Verfassungsrechte.
In diesem Sinne: Zelte gegen den Wind sichern, Toiletten sauber halten, pünktlich zur Mittagsruhe die Klampfe weglegen und den Sommer genießen. Die Revolution war auf Sylt jedenfalls selten so gut organisiert.
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