Wenn man heute an Kampen denkt, drängen sich unweigerlich Bilder von Champagnerkühlern, teuren Sportwagen und endlosen Hecken aus Sylter Rosen auf. Kampen ist das Epizentrum der gepflegten Leichtigkeit. Doch das wohl faszinierendste Wahrzeichen dieses Ortes pfeift auf oberflächlichen Glamour. Es duckt sich tief in die Erde, versteckt sich unter knorrigen Kiefern und hat eine Gründungsgeschichte, die so absurd und dramatisch ist, dass Hollywood sie vermutlich als „zu unrealistisch“ ablehnen würde. Wir haben uns in der Kupferkanne umgeschaut. Und wir waren in unserer Wochenschau im Norden der Insel unterwegs.
Willkommen in der Kupferkanne. Dem wohl einzigen Ort auf der Welt, an dem man in einem ehemaligen Flugabwehr-Bunker um ein Stück warmen Pflaumenkuchen kämpft.
Acht Tage vor dem Untergang
Die Geschichte beginnt nicht mit einem feierlichen Spatenstich und Schampus, sondern in einer Zeit, in der die Welt in Trümmern lag. Es ist der Mai 1945. Genau acht Tage vor Kriegsende setzt der 35-jährige Bildhauer Günter Rieck als Oberleutnant der Kriegsmarine im Hafen von Hörnum seinen Fuß auf die Insel. Die Zeitenwende steht unmittelbar bevor, die Kapitulation folgt auf dem Fuße. Was bleibt, ist die Frage nach dem „Wohin?“.
Die Antwort der Behörden entbehrt nicht einer gewissen dunklen Poesie: Rieck wird als Quartier ein halb in die Erde eingelassener Flakbunker in Kampen zugewiesen. Direkt neben einem der rund 800 urzeitlichen Hünengräber der Insel. Von den Toten der Bronzezeit zu den Betonwüsten des Zweiten Weltkriegs – ein Ort, der wahrlich schon leichtere Energien gesehen hat.
Doch Rieck ist Bildhauer. Wo andere nur meterdicken Stahlbeton und Trostlosigkeit sehen, sieht er Rohmaterial. Mit purer Muskelkraft und dem Überlebenswillen der Nachkriegszeit gräbt er sich buchstäblich ein Schlafzimmer in die Erde. Er meißelt ein großes Fenster in die unnachgiebige Bunkerwand, um das Licht der rauen Nordsee einzufangen, und verwandelt die militärische Anlage in ein Atelier. Mangels edler Materialien formt er seine Vasen fortan aus dem, was im Überfluss da ist: Sylter Wattschlick.
Der Bunker wird zum Salon
Es dauert nicht lange, bis dieses skurrile Refugium Magnetwirkung entfaltet. In den Wirren der Nachkriegsmonate hat es unterschiedlichste Charaktere auf die Insel verschlagen. Man rückt zusammen. Bald klopfen die ersten Freunde an die schwere Bunkertür, um bei einem (vermutlich schwer organisierten) Glas Wein die Weltlage zu diskutieren.
Die Nachbarschaft ist ohnehin illuster: Im Bunker nebenan sitzt der Schriftsteller Ernst von Salomon und tippt seinen späteren Bestseller „Der Fragebogen“ in die Maschine. Auch der ehemalige Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht oder der UFA-Schauspieler Matthias Wiemann finden den Weg in Riecks unterirdisches Reich. Die raue Kälte des Betons wird durch hitzige Debatten, Kunst und den schieren Willen zum Neuanfang gewärmt. Aus der militärischen Zweckarchitektur wird eine Insel der Bohème.
1950: Die Geburtsstunde des Labyrinths
Im Jahr 1950 macht Rieck das Ganze schließlich offiziell. Aus dem privaten Künstleratelier wird ein öffentliches Künstlerlokal: „Die Kupferkanne“ ist geboren.
Das Innere der Anlage gleicht bald einem organisch gewachsenen Hobbingen. Verwinkelte Gänge, an denen sich hochgewachsene Gäste bis heute liebevoll den Kopf stoßen, führen über schmale Stufen in kleine, verwunschene Grotten. Dort, wo einst die kalte Realität des Krieges herrschte, flackert nun sanftes Kerzenlicht. Jeder Tisch, jede Nische erzählt eine eigene Geschichte. Draußen wächst das Dach langsam zu, bis das Gebäude fast vollständig mit der Heidelandschaft verschmilzt, als wolle die Natur den Beton gütig zudecken.
Die charmante Ironie der Gegenwart
Heute ist die Kupferkanne eine unbestrittene Institution. Wenn man an einem sonnigen Nachmittag auf den terrassenförmig angelegten Kaffeegarten zusteuert, liegt bereits der Duft der hauseigenen Kaffeerösterei in der Luft. Der Blick reicht weit über die Heideflächen bis zum glitzernden Wattenmeer. Es ist ein Panorama, dem sich die Menschen schon vor Tausenden von Jahren an den benachbarten Hünengräbern nicht entziehen konnten.
Und hier liegt die wunderbare, liebenswerte Ironie dieses Ortes: Wo einst Generäle und Künstler in der feuchten Kälte saßen, stehen heute gut betuchte Urlauber in Designerjacken geduldig in einer langen Schlange. Sie alle wollen hinab in die dunklen, engen Gänge. Nicht etwa, um Schutz vor feindlichen Fliegern zu suchen, sondern um einen Platz in diesem Labyrinth der Behaglichkeit zu ergattern – und natürlich, um sich ein geradezu unverschämt großes, köstliches Stück Blechkuchen einverleiben zu dürfen.
Die Kupferkanne ist kein normales Café. Sie ist ein Triumph der Kunst über den Krieg, der Gemütlichkeit über den Beton und des Pflaumenkuchens über die Vergänglichkeit. Ein wahrhaft verwunschener Ort.
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