Es gibt Menschen auf dieser Insel, die gehören einfach zum Inventar. Ali Scheich Saadun war einer von ihnen. Für uns war sein Laden in der Friedrichstraße, gleich neben der „Drachenhöhle“, weit mehr als nur ein O2-Shop. Er war ein Anlaufpunkt. Ein Ort für einen schnellen Kaffee, für ein kurzes „Wie läuft’s?“ und für die Art von flotten Sprüchen, die man nur von einem waschechten Berliner mit großem Herzen serviert bekommt.
Wir haben seinen Weg lange begleitet. Wir erinnern uns noch gut an die Zeiten, als er seinen Shop am Bahnhof hatte und dann – voller Hoffnung und Tatendrang – den Schritt in die Fußgängerzone wagte. Ali war stolz darauf. Er war ein Macher durch und durch. Ob er als einer der Ersten E-Roller vermietete oder im Sommer beim Surfcup am Strand persönlich an der Eismaschine stand – Ali war immer da, immer hilfsbereit, immer unter Strom.
Dass die Miete in dieser 1A-Lage eine enorme Bürde war, erwähnte er in unseren Gesprächen des Öfteren. Doch als im November die endgültige Nachricht kam – „Ende Dezember ist Schluss mit Sylt“ – traf es uns doch ins Mark.
Unser persönlicher Abschied an Heiligabend war schwer. Wir standen dort mit Tränen in den Augen, und man spürte in diesem Moment die ganze Tragweite seiner Entscheidung. Ali geht nicht, weil er will. Er geht, weil er muss. Besonders bitter ist das für seine Frau und die Kinder. Sie finden den Fortzug überhaupt nicht gut, denn für sie ist Sylt nach all den Jahren schlichtweg Heimat. Hier sind ihre Freunde, hier ist ihr Leben.
Doch die wirtschaftliche Realität ließ keine andere Wahl. Nicht nur die Ladenmiete war erdrückend, auch die private Miete für die Wohnung war auf Dauer kaum zu stemmen.
Laut SHZ waren die Kosten pro Quadratmeter durch Staffelmiete auf über 150 Euro je Quadratmeter angewachsen. Ein Preis der in guten Toplagen deutscher Großstädte verlangt wird. Liegt interessanterweise globalen Vergleich eher auf dem Niveau guter B-Lagen in deutschen Großstädten.
Der entscheidende Unterschied: In Mailand oder München herrscht 12 Monate Frequenz, während auf Sylt nur knapp 6 Monate Saison ist.
Ali war eine gewisse Müdigkeit anzusehen – der ständige Kampf gegen die Kostenmühlen zermürbt. Aber da war auch Wut. Eine tiefe, verständliche Wut auf die Vermieter und vor allem auf die Politik. Ali sprach aus, was viele denken: Dass auf dieser Insel zwar bestens für Golfplätze gesorgt wird, aber Familien und Kleinunternehmer im Stich gelassen werden.
Der Wille, hier noch einmal bei Null anzufangen, war erloschen. Die Perspektive fehlte. Und so verlieren wir nicht nur einen Shop, sondern ein Stück Insel-Seele. In seinem Laden werden demnächst wohl Mützen und Kaffeetassen mit der Sylt-Silhouette verkauft – ein weiteres Souvenirgeschäft in der Reihe.
Für Ali und seine Familie ist es ein schmerzhafter Schnitt. Für uns bleibt die Erinnerung an einen Freund, der gekämpft hat und am Ende den „Sylter Verhältnissen“ weichen musste. Mach’s gut, Ali.




