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Ehrenamt am Limit auf Sylt: Wenn Teilzeit-Bürgermeister Millionen-Projekte leiten
Sylt (SPA) – Es ist eines der größten Paradoxe unserer Insel: Während in anderen Regionen Deutschlands Stadtoberhäupter von Kommunen vergleichbarer Bedeutung als Vollzeit-Profis fürstlich entlohnt werden, regieren auf Sylt „Teilzeit-Chefs“. Die Bürgermeister von List, Wenningstedt-Braderup, Kampen und Hörnum leiten ihre Gemeinden offiziell im Nebenberuf. Doch ein Blick auf die Realität zeigt: Was hier als Ehrenamt deklariert wird, ist faktisch ein Hochleistungsjob in der Chefetage eines Millionen-Konzerns.
Besonders im Sommer verwandeln sich die beschaulichen Dörfer in pulsierende Kleinstädte mit einer Infrastruktur, die zehntausende Gäste bewältigen muss. Die Verantwortung, die dabei auf den Schultern der Amtsinhaber lastet, steht in keinem Verhältnis zur Entlohnung. Sie erhalten lediglich eine Aufwandsentschädigung und Sitzungsgelder – ein „Gehalt“, über das jeder Manager eines mittelständischen Unternehmens nur müde lächeln würde.
Millionen-Jongleure im Nebenberuf
Das beeindruckendste Beispiel für diese Schieflage findet sich im Norden. Ronald Benck in List stemmt neben seinem eigentlichen Beruf Projekte, die ganze Regionen prägen. Mit der Ansiedlung des Lanserhofs und der Entwicklung des gewaltigen Dünenparks führt er Regie bei Investitionen in dreistelliger Millionenhöhe. Dass solche strategischen Mammutaufgaben „nebenher“ erledigt werden, grenzt an ein organisatorisches Wunder und verdient höchsten Respekt.
Auch im Süden der Insel steht das Ehrenamt vor gewaltigen Herausforderungen. Udo Hanrieder hat mit dem anstehenden Umbau des Hörnumer Hafens ein Jahrhundertprojekt vor der Nase. Hier geht es nicht nur um ein paar Steine, sondern um das maritime Herzstück des Ortes und den Küstenschutz. Hanrieder muss hierbei komplexe Genehmigungsverfahren und bauliche Visionen koordinieren – und das alles nach seinem regulären Feierabend.
Visionäre und Bewahrer unter Druck
In Wenningstedt sorgt Kai Müller für ordentlich Wirbel. Mit seinen zahlreichen Visionen treibt er die Gemeinde voran und versucht, den Spagat zwischen modernem Tourismus und dörflichem Zusammenhalt zu meistern. Müller beweist, dass Ehrenamt nicht nur Verwaltung bedeutet, sondern Gestaltungswille – oft bis tief in die Nacht, wenn die eigentliche Arbeit längst getan sein sollte.
In Kampen hingegen kämpft Steffi Böhm an einer ganz anderen Front. Sie hat sich der schweren Aufgabe verschrieben, das einzigartige Flair des edlen Dorfes zu bewahren. In einer Zeit, in der Kritiker behaupten, Kampen habe ein wenig von seinem alten Glanz verloren, investiert sie ihre Freizeit, um den Ort behutsam in die Zukunft zu führen, ohne seine Seele zu verkaufen.
Ein Systemfehler mit Ansage?
Man muss sich die Frage stellen: Wie lange kann dieses System noch gutgehen? Es ist fast schon beschämend, dass die Insel sich darauf verlässt, dass fähige Köpfe bereit sind, ihre Existenz und ihre Freizeit für ein Taschengeld zu opfern, während sie gleichzeitig die wirtschaftliche Zukunft der Insel sichern.
Diese Bürgermeister sind keine Hobby-Politiker. Sie sind Krisenmanager, Bauleiter und Diplomaten in Personalunion. Es wird Zeit, dass die erbrachte Leistung nicht nur mit einem feuchten Händedruck und Sitzungsgeld gewürdigt wird. Sylt braucht diese Köpfe – aber das Ehrenamt darf nicht zum Selbstausbeutungs-Modell für Millionenprojekte werden.



