Es ist der tägliche Härtetest für den insularen Blutdruck: Die Fahrt über den Hindenburgdamm. Was auf Postkarten wie eine romantische Reise durchs Wattenmeer aussieht, ist für tausende Pendlerinnen und Pendler längst zum knallharten Überlebenstraining im Nahverkehr mutiert. Dass Verkehrsminister Claus Ruhe Madsen nun in Berlin vor dem Bundestag mit deutlichen Worten den Ausbau der Marschbahn forderte, war überfällig. Denn wenn die Pünktlichkeitsquote – wie im vergangenen Oktober – unter 40 Prozent rutscht, sprechen wir nicht mehr von einem Fahrplan, sondern von einer unverbindlichen Reiseempfehlung.
Das Absurdum auf Schienen: Vorfahrt für leeres Blech
Bevor wir über die großen Lösungen aus Berlin sprechen, müssen wir den sprichwörtlichen Elefanten auf dem Gleis benennen: Die Autozüge. Die 173 Kilometer lange Strecke ist bekanntermaßen größtenteils eingleisig. Wenn sich also acht Züge pro Stunde dieses Nadelöhr teilen müssen, ist Stau vorprogrammiert.
Die bittere Pointe für jeden Sylt-Pendler: Während der Regionalexpress mit hunderten erschöpften Handwerkern, Lehrerinnen und Pflegekräften auf dem Ausweichgleis in Keitum oder Klanxbüll zur unfreiwilligen „Wartestellung“ gezwungen wird, rauscht auf dem Hauptgleis nicht selten ein Autozug vorbei – bestückt mit einer Handvoll Fahrzeugen. Aus wirtschaftlichen Gründen oder um die Trassenrechte (Slots) nicht zu verlieren, fahren diese riesigen Stahlkolosse teilweise gespenstisch leer über den Damm. Das Ergebnis: Die dringend benötigten Arbeitskräfte der Insel kommen zu spät zur Schicht, Schulkinder frieren am Bahnsteig, aber der leere Autozug war pünktlich. Das ist kein funktionierendes Verkehrskonzept, das ist Realsatire auf Kosten des sozialen Friedens.
Berlin im Blindflug: „Kein gravierender Engpass“
Dass die Bundesregierung jüngst den Vorstoß Schleswig-Holsteins ablehnte, die Verfahren für die Marschbahn zu beschleunigen, schlägt dem Fass den Boden aus. Die Begründung aus der Hauptstadt, es gäbe hier „keinen gravierenden Engpass“, zeugt von einer bemerkenswerten Distanz zur Realität. Minister Madsen bringt es auf den Punkt: Sylt hat keine Alternative. Wir können den Handwerker aus Niebüll nicht bitten, mal eben über Dänemark zu fahren oder den Privatjet zu nehmen. Die Bahn ist unsere Nabelschnur. Punkt.
Der 4-Punkte-Plan: So wird die Lebensader wiederbelebt
Es reicht nicht mehr, nur den Kopf zu schütteln. Wir brauchen Lösungen – und die liegen dank der Vorarbeit des Landes (das bereits in Millionenhöhe in Vorleistung gegangen ist) auf dem Tisch. Jetzt muss der Bundestag liefern:
- Das Geld muss fließen – und zwar verbindlich: Der zweigleisige Ausbau zwischen Niebüll und Klanxbüll sowie Morsum und Tinnum kostet schätzungsweise 426 Millionen Euro. Der Bundestag muss diese Summe fest zusagen. Ohne Wenn und Aber.
- Zielnetz 2035 statt ferner Zukunft: Ein Gutachten wollte uns tatsächlich auf die 2040er-Jahre vertrösten. Das ist inakzeptabel. Der Ausbau muss zwingend im „Zielnetz 2035“ des Bundesverkehrsministeriums verankert werden.
- Höchste Priorität im DB-Infraplan: Die Strecke muss ganz oben auf die To-do-Liste der Deutschen Bahn. Wenn überall saniert wird, dann bitte zuerst dort, wo ein kompletter Landstrich vom Kollaps bedroht ist.
- Bürokratie-Abbau jetzt: Planungs- und Genehmigungsverfahren müssen massiv beschleunigt werden. Jahrzehntelange Klage-Schleifen können wir uns bei dieser museumsreifen Infrastruktur schlicht nicht mehr leisten.
Die Hausaufgaben für heute: Störfall-Konzepte und Ersatzteile
Bis die Bagger rollen und die Elektrifizierung abgeschlossen ist, muss die DB InfraGO im Hier und Jetzt liefern. Wir brauchen Ersatzteile, die nicht erst aus Süddeutschland eingeflogen werden müssen, präventive Instandhaltung und Kapazitätspuffer. Vor allem aber brauchen wir eine faire Priorisierung auf dem Gleis: Pendler vor leeren Autozügen.
Mitte April wird die neue DB-Chefin Evelyn Palla zu einem Treffen auf Sylt erwartet. Die Insel hofft inständig, dass sie für ihre Anreise den regulären Regionalexpress wählt – idealerweise an einem windigen Tag mit defekter Türsteuerung. Nichts beschleunigt politische Entscheidungen so sehr wie das eigene Erleben der Sylter Pendler-Realität.
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