Sylt News
Die Insel der Gestrandeten: Warten auf das Bahn-Phantom von 23:30 Uhr

Am Samstagabend wurden die Pendler und Gäste, die auf das Festland wollten, auf eine besonders kalte Probe gestellt. Es war einer jener Abende, an denen Sylt unfreiwillig wieder zu dem wurde, was es geografisch eigentlich ist: eine Insel, weit weg vom Rest der Welt. Wer den Zug um 19:30 Uhr verpasste, sah sich plötzlich mit einer harten Realität konfrontiert. Der Hindenburgdamm war zwar noch da, aber er war verwaist. Nach halb acht fiel der eiserne Vorhang. Keine Züge kamen mehr auf die Insel. Alles aus, alles dunkel.
Am Bahnhof Westerland herrschte nicht das übliche Gewusel, sondern eine fast gespenstische Leere auf der Schienenseite. Für die Wartenden ist das eine besondere Form der Folter: Man wartet nicht darauf, dass eine Tür aufgeht, sondern man starrt auf leere Gleise, auf denen der Wind das einzige ist, was sich bewegt.
Die Ironie des Abends lag in der totalen Abwesenheit. Man konnte nicht einmal auf die Bahn schimpfen, weil sie physisch gar nicht anwesend war. Und auch die Mitarbeiter, deren Schicksal untrennbar mit ihren Zügen verbunden ist, waren unsichtbar. Irgendwo auf dem Festland standen wohl Lokführer und Zugbegleiter, bereit zur Arbeit, bereit, die Menschen nach Hause zu bringen, aber ausgebremst durch die Technik oder das Wetter. Ein Lokführer ohne Lok auf der Insel ist genauso hilflos wie der Fahrgast auf dem Bahnsteig. Beide Seiten warteten auf dasselbe: dass sich endlich etwas bewegt.
Es ist ein seltsames Gefühl von Verbundenheit im „Nicht-Geschehen“. Die Crew will Feierabend, die Gäste wollen heim, und dazwischen liegen Kilometer kalter Stahl, über den nichts rollt.
Die Hoffnung aller fokussierte sich auf den 22:30-Uhr-Zug Richtung Festland. Er wurde zur Legende, noch bevor er ankam. Würde er kommen? Existiert er überhaupt? Als er dann tatsächlich auftauchte – und schließlich mit einer Stunde Verspätung um 23:30 Uhr die Insel verließ –, war das fast ein feierlicher Moment.
Wenn dann endlich Scheinwerfer die Dunkelheit durchschneiden und tonnenschwerer Stahl in den Bahnhof rollt, fällt der ganze Frust ab. In diesem Moment war es egal, dass es eine Stunde zu spät war. Es war egal, dass man seit 19:30 Uhr in der Kälte ausgeharrt hatte. Die Verbindung zur Außenwelt war wiederhergestellt. Der Geisterzug war real geworden, und die unfreiwilligen Inselbewohner durften endlich wieder Festländer werden.






















































































































