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Der öffentliche Schwur (oder: Wie man sich selbst eine Falle stellt) Tag 1 bis 5
Es klingt wie der klassische Klassiker, der am 1. Januar in Millionen von Haushalten gemurmelt wird, meistens während man noch verkatert auf die Reste vom Raclette starrt: „Dieses Jahr lebe ich gesund.“ Ein frommer Wunsch, der oft schon am 3. Januar beim Bäcker still und leise beerdigt wird.
Doch in unserem Fall – wir sind zu zweit, Nick und ich – ist die Lage ein wenig… anders. Wir haben den Fluchtweg nämlich zugemauert.
Wir haben es groß angekündigt. Nicht nur im stillen Kämmerlein, sondern auf YouTube, Facebook und sogar im TV. Nicht, dass wir uns für A-Promis halten würden, denen die Paparazzi im Gebüsch auflauern, um sie beim heimlichen Naschen eines Gummibärchens zu erwischen. Aber wir haben genug Öffentlichkeit geschaffen, um ein Scheitern zur ultimativen Peinlichkeit zu machen. Wir haben uns quasi selbst zur Konsequenz verdammt. Und das ist gut so. Ich werde von Zeit zu Zeit berichten, wie die Fortschritte sind. Auf unserem Youtubekanal begleiten wir dies im Bewegtbild.
Die Ausgangslage ist, nun ja, stabil: Ich starte mit 100 Kilogramm bei 1,87 Metern in dieses Abenteuer. Das sind gut 15 Kilo, die da nicht hingehören. 15 Kilo „Lebenserfahrung“, die ich mir durch hektische Frühstücke, diverse Treffen mit dem Burger-Meister und diese verhängnisvollen abendlichen Schoko-Attacken auf der Couch angefuttert habe. Sport? Ach, da war ja das Knie. Eine wunderbare Ausrede. „Croissant statt Surfen“ wurde mein inoffizielles Motto. Ein Teufelskreis aus Bequemlichkeit und Zucker.
Nun, man kommt in den 50ern nicht mehr so leicht zurück in die Form eines Athleten, der man vielleicht in der Erinnerung mal war. Aber es gibt diesen einen wahren Satz: Jeder entscheidet, wie er alt wird, nicht wie alt er wird.
Heute ist bereits Tag 5 angebrochen. Wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich äußerlich natürlich noch keine Veränderung. Auch die Waage dürfte sich noch nicht vor Begeisterung überschlagen haben. Aber ich bin ganz ruhig, denn ich weiß, was passieren wird. Ich war schon einmal an diesem Punkt. Vor fünf oder sechs Jahren habe ich diesen kalten Entzug schon einmal durchgezogen.
Ich weiß noch genau, wie es sich anfühlte. Binnen Wochen schmolz das Gewicht, das Hautbild veränderte sich drastisch – weg vom Grauschleier hin zur Frische. Aber der gewaltigste Effekt fand im Kopf statt: Eine gedankliche Klarheit, die ich fast vergessen hatte. Konzentration über Stunden, kein Mittagstief, kein Nebel im Hirn.
Wie wir dahin kommen? Mit der Radikalkur. Der Plan ist simpel und brutal zugleich: Kompletter Stopp der Zuckerzufuhr. Keine Ausflüchte, keine „Ausnahme-Sonntage“. Kein Weizen, keine Säfte, keine Limo, keine Cola und auch keine literweise Milch. Stattdessen: Wasser, Gemüse, Obst und Eier.
In meinem Körper, diesem faszinierenden Chemielabor, beginnt nun die Umstellung. Und meine Erfahrungen, die kleinen Siege und die Momente, in denen ich für ein Stück Schokolade fast morden würde, schreibe ich hier auf.
Spulen wir also zurück. Alles auf Anfang.
Tag 1 bis Tag 5: Vom Nebel im Kopf zur digitalen Gurken-Krise
1. Januar – Der Start
Am Neujahrsmorgen fühlte sich beim Aufwachen erst einmal alles an wie immer. Ein leichtes Kopfweh und diese typische Benommenheit nach einer langen Nacht. Nicht, dass ich wild gefeiert hätte, aber das Einschlafen fällt eben schwer, wenn die Nachbarn der festen Überzeugung sind, man müsse das Jahr 2025 mit akustischer Gewalt verabschieden.
Uff. Und dann drang er durch den Nebel: dieser Vorsatz. Kein Honig, keine Marmelade zum Frühstück. Stattdessen der neue Rhythmus: 0,5 Liter Wasser, noch bevor irgendetwas anderes passiert. Danach Eier, pur, ohne alles. Es lief erstaunlich gut an. Am Nachmittag begann dann der erste kleine Kampf der Gewohnheiten: Salat statt „Bürgermeister“. Aber ehrlich gesagt? Der erste Tag war einfach. Fast zu einfach.
Tag 2 und 3 – Der kalte Entzug
So vergingen die ersten beiden Tage. Das Kopfweh blieb, aber es war einkalkuliert. Es war nicht der Kater vom Sekt, es war der Abschied vom Zucker. Kalter Entzug. Natürlich zittert man nicht und hat keine Krämpfe wie in einem schlechten Film, aber der Körper meldet sich doch sehr deutlich und flüstert einem ständig zu: „Hey, hier fehlt doch was!“
Meine Antwort darauf: Wasser trinken. Mein Methadon. Dazu Nüsse und Äpfel. Es ist faszinierend, wie großartig so ein profaner Apfel schmecken kann, wenn die Geschmacksnerven nicht mehr mit Industriezucker verklebt sind.
Tag 4 – Fernbeziehung im Leid
Gestern Abend, am vierten Tag, war das Verlangen nach etwas Süßem unfassbar groß. Da vibrierte das Handy. Nick. Eine Nachricht aus dem digitalen Schützengraben: „Was soll ich snacken?“
Da wir nicht zusammenwohnen, leiden wir zwar getrennt, aber verbunden im Geiste. Er hat dann bei sich tatsächlich noch eine Salatgurke gefunden und mir virtuell davon berichtet. Immerhin, wir sind zu zweit. Eine Art digitale Selbsthilfegruppe gegen den Heißhunger.
Tag 5 – Morgengrauen und Nordseeblick
Nun ist der fünfte Tag angebrochen. Jetzt gleich werde ich mich erst einmal auf die Waage stellen. Ein hoffnungsvoller Blick… wahrscheinlich hat sich objektiv noch nicht viel getan. Aber ich merke etwas anderes: Mein Kopf wird frei. Spätestens jetzt, kurz nach dem Aufstehen, während ich diese Zeilen schreibe, spüre ich, wie die Gedanken klarer werden.
Sport muss heute noch nicht zwingend sein, ich lasse den Körper erst mal „vorglühen“. Man merkt aber schon, wie sich langsam wieder Energie aufbaut. Aber immer langsam mit den jungen Pferden.
Wir haben das Glück, das Fitnessstudio im „Syltness Center“ nutzen zu dürfen. Für mich bedeutet das demnächst: Fahrradfahren mit direktem Blick auf die Nordsee. Und Gymnastik. Back in time. Das fühlt sich an wie früher: „Willst du am Sonntag spielen, machst du leichtes Reha-Training.“
Nur, dass ich am Sonntag nicht spielen werde. Das tue ich schon seit 20 Jahren nicht mehr. Mittlerweile sind die Ziele bescheidener geworden: Man ist froh, wenn man schmerzfrei auf dem SUP stehen kann. Das Board steht jetzt hier bei mir im Büro. Es lehnt an der Wand, als Mahnmal und Ziel zugleich. Es wartet.
Und ich bin auf dem Weg.



