Es gibt auf dieser Insel keine Recherche, die nicht irgendwann bei ihm landet. Man sucht die Herkunft eines Flurnamens – C. P. Hansen. Man will wissen, wie der Rantumer Strand 1850 aussah – C. P. Hansen hat ihn gezeichnet. Man stößt auf eine Sylter Sage und fragt sich, wer sie aufgeschrieben hat, bevor sie niemand mehr erzählte – C. P. Hansen, natürlich.
Christian Peter Hansen, 1803 bis 1879, war zunächst nichts weiter als Dorfschulmeister in Keitum. Das Amt hatte er von seinem Vater geerbt, Jap Peter Hansen, der jahrelang zur See gefahren war und an Bord nebenbei die erste Literatur überhaupt in einem nordfriesischen Dialekt verfasst hatte. Man muss sich diese Familie ungefähr so vorstellen: Wenn andere Leute Zeit hatten, gründeten sie eine Sprache als Schriftsprache.
Der Sohn wollte eigentlich auch aufs Meer. Er durfte nicht – zu schwächlich für die Arbeit an Bord, befand man. Das verdross ihn, wie es einen jungen Mann eben verdrießt, dem man die Welt wegnimmt. Also nahm er sich stattdessen die Insel vor, und zwar komplett. Er lief von List bis Hörnum, vermaß Dünen und Kliffkanten, zeichnete archäologische Denkmale, fertigte Karten nach eigenen Messungen an, schrieb für Volksbücher und für Jahrbücher zur Landeskunde und lieferte Beiträge zu Müllenhoffs Sagensammlungen. Nebenbei unterrichtete er die künftigen Herausgeber der Sölring-Wörterbücher, Boy Peter Möller und Nann Mungard. Wer eine Insel nicht verlassen kann, kann sie immerhin vollständig dokumentieren.
Bezahlt wurde er dafür ungefähr so, wie Lehrer im 19. Jahrhundert bezahlt wurden, nämlich schlecht. Über die Runden kam er mit den Heften und Büchern, die er für die ersten Badegäste schrieb. Dem aufkeimenden Fremdenverkehr stand er, anders als manche Nachgeborene vermuten würden, keineswegs ablehnend gegenüber. Man kann C. P. Hansen also mit einiger Berechtigung als den ersten Menschen bezeichnen, der auf Sylt vom Tourismus lebte, indem er über Sylt schrieb. Es sind seither einige dazugekommen.
Sein Wohnhaus hat die Sölring Foriining 1908 gekauft, kurz nach ihrer Gründung und in glücklichem Zustand: original. Seither betreibt der Verein es als „Altfriesisches Haus seit 1640″, zwei Räume sind dem Leben seines letzten Bewohners gewidmet, dazu ein Teil seiner naturhistorischen und geologischen Sammlung. Die Insel selbst brauchte etwas länger. 1960, gut achtzig Jahre nach seinem Tod, lobten die Sylter Gemeinden den C.-P.-Hansen-Preis aus, der bis heute jedes Jahr nahe seinem Todestag, dem 9. Dezember, an Menschen vergeben wird, die sich um Sprache, Kultur und Natur der Insel verdient gemacht haben.
Bleiben die Grabsteine. Die Familie Hansen liegt auf dem Keitumer Friedhof, und Grabmale, die dem Inselklima ausgesetzt sind, halten das nicht ewig aus. Sandstein und Salzluft haben eine sehr einseitige Beziehung. Also muss turnusmäßig ein Fachbetrieb ran, und diese Aufgabe hat die Sölring Foriining ohne jede offizielle Verpflichtung übernommen – als Kultur- und Heimatverein tut man so etwas eben, ehrenamtlich, weil sonst niemand es tut.
Dafür bittet die 1. Vorsitzende Maren Jessen um Spenden. Sylter Bank, IBAN DE51 2179 1805 0000 0042 51, BIC GENODEF1SYL, alternativ per PayPal über die Vereinsseite.
Es ist eine bemerkenswerte Bilanz: Ein Mann verbringt sein Leben damit, eine Insel für die Nachwelt festzuhalten – und knapp 150 Jahre später sammelt die Nachwelt Geld, um festzuhalten, wo er liegt. Man könnte das ironisch finden. Man kann aber auch einfach überweisen.




