Die Nordsee gibt und die Nordsee nimmt – an der rauen Sylter Westküste nimmt sie allerdings bevorzugt. Es ist ein ewiges Tauziehen zwischen der gefräßigen Brandung und dem unbändigen Überlebenswillen unserer Lieblingsinsel. Wer schon einmal nach einem zünftigen Wintersturm an der Promenade stand, weiß: Der blanke Hans knabbert ordentlich an der Küstenlinie. Jedes Jahr verschlingt das Meer rund eine Million Tonnen feinsten Sylter Sand.
Damit wir auch in Zukunft noch trockenen Fußes von Westerland nach Rantum spazieren können, startet ab Mitte April wieder das spektakulärste Bauprojekt der Nordseeküste: die jährliche Sandaufspülung.
Der Insel-TÜV war da: Diagnose „Sandmangel“
Bevor die großen Maschinen anrollen, muss der Patient natürlich erst einmal gründlich untersucht werden. Ende März zog dafür eine rund 30-köpfige Experten-Delegation aus LKN (Landesbetrieb für Küstenschutz), Nationalparkverwaltung und der Sylter Bürgermeisterin Tina Haltermann den Strand ab. Das Ziel: Den Schaden der letzten Winterstürme schonungslos zu bilanzieren und festzulegen, wo die Insel in diesem Jahr ihre dringend benötigte Sand-Infusion bekommt.
Sorgenkind im Süden: Hörnum braucht dringend Puffer
Besonders im Fokus steht dieses Mal der tiefe Süden. In Hörnum haben Wind und Wellen ganze Arbeit geleistet – hier wird streckenweise sogar ein Dünenabbruch befürchtet. Von den insgesamt fünf Strandabschnitten, die in diesem Jahr frischen Sand bekommen, liegen allein zwei in Hörnum. Hier muss dringend ein neuer Puffer her, bevor die Nordsee beim nächsten Herbststurm direkt an die Haustüren klopft.
1,2 Millionen Kubikmeter für die perfekte Sommerfigur
Die Kur für die Küste ist gewaltig: Rund 1,2 Millionen Kubikmeter Sand werden in dieser Saison aufgespült. Das ist ein solides Pensum und entspricht in etwa dem Volumen der Vorjahre. Aber wie kommt dieser gigantische Sandberg eigentlich an den Strand?
Ab Mitte April verwandelt sich das Meer vor Sylt wieder in eine faszinierende Großbaustelle. Sogenannte Laderaumsaugbagger – riesige, schwimmende Staubsauger – fahren zu einer Sandlagerstätte etwa zehn Kilometer vor Westerland. Dort saugen sie den Sand vom Meeresboden, fahren zurück an die Küste und docken an ein gigantisches Pipelinenetz an. Mit viel Wasser vermischt, schießt der Sand-Matsch dann an den Strand, wo bullige Planierraupen das neue Profil der Insel modellieren.
Dabei setzt man längst nicht mehr nur auf die reine Strandaufspülung. Ein großer Teil des Sandes landet als Depot auf dem sogenannten Vorstrand, also direkt auf den Sandbänken im Wasser. Diese Depots wirken wie natürliche Wellenbrecher und nehmen der Nordsee die Kraft, bevor sie überhaupt an den eigentlichen Strand kracht.
Ein Spektakel, das zum Insel-Sommer gehört
Für manche mag es nach Lärm und Baustelle klingen, für Sylt-Kenner ist es ein faszinierendes Schauspiel. Wenn die massiven Rohre Wasser und Sand in hohen Bogen auf den Strand spucken und die Bagger im Nordsee-Sand tanzen, wird Küstenschutz hautnah erlebbar. Es ist eine Sisyphusarbeit, die Millionen kostet – aber sie ist unser Lebenselixier. Ohne diese flexiblen Sandpuffer, die man seit den 70er Jahren nutzt, würde die Insel heute völlig anders aussehen.
Wer also zwischen Mitte April und September auf Sylt weilt und auf eine der großen Spül-Baustellen trifft: Bleiben Sie ruhig kurz stehen. Schauen Sie den Maschinen bei der Arbeit zu und freuen Sie sich über jeden Kubikmeter. Es ist der Sand, der dafür sorgt, dass wir unsere Insel auch im nächsten Jahr noch genauso lieben können.
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