Man muss die Ironie einfach lieben. Da fahren Menschen in Autos, die so viel kosten wie eine Eigentumswohnung, nach Sylt, um dort etwas zu essen, das historisch gesehen nichts anderes war als das Überlebenselixier armer Bauern: Grünkohl.
Auf Sylt, wo man sonst Diskussionen über den Jahrgang des Schaumweins führt, wird im Februar die Frage „Mit oder ohne Schweinebacke?“ zur wichtigsten soziokulturellen Debatte. Willkommen in der Saison des „Grünen Goldes“.
Warum ausgerechnet Grünkohl? (Oder: Vom Arme-Leute-Essen zum Lifestyle-Event)
Warum tut man sich das an? Warum ein Gemüse, das aussieht wie geschredderter Rollrasen und erst dann schmeckt, wenn es draußen so ungemütlich ist, dass selbst die Möwen schlechte Laune haben?
Der Ursprung ist pragmatisch und entbehrt jeglichem Glamour. Früher gab es im nordfriesischen Winter einfach nichts anderes. Der Grünkohl ist die „Palme des Nordens“. Er ist hart im Nehmen. Er braucht den Frost. Erst wenn die Kälte die Stärke in der Pflanze in Zucker umwandelt, verliert der Kohl seine Bitternis.
Für die Friesen war er die Vitamin-C-Bombe gegen den Skorbut. Heute ist er das Alibi, um sich bei Minusgraden stundenlang an ein Feuer (das Biikebrennen) zu stellen und danach Unmengen an Kalorien und Kümmelschnaps zu vertilgen. Es ist ein Ritual der Erdung. Man kann keinen Grünkohl essen und dabei arrogant aussehen. Das verbindet.
Der Grünkohl-Index: Was kostet der Kult 2026?
Nun wäre Sylt nicht Sylt, wenn man aus dem Ackergemüse nicht auch ein preisliches Event machen würde. Die Preisspanne für das Grüne Gold ist 2026 beachtlich. Man zahlt nicht nur für den Kohl, man zahlt für das Gefühl, dazuzugehören.
Hier ist der aktuelle „Kohl-Kurs“ auf der Insel:
- Der ehrliche Kohl (ca. 20 – 29 €)
Wer Grünkohl essen will, wie er gedacht war – deftig, viel, ohne Schnickschnack –, fährt nach List ins Piratennest.
- Hier kostet der „Einsteiger-Teller“ (nur Kohl & Kartoffeln) 19,90 €.
- Die „Vollkasko-Version“ (Kasseler, Kochwurst, Schweinebacke) liegt bei 26,90 €.
- Wilms in Westerland 28,90 €
Das ist fair. Hier geht es um Sättigung, nicht um Sehen-und-Gesehen-werden.
- Der gehobene Standard (ca. 30 – 40 €)
In den klassischen Institutionen in Westerland (Alte Friesenstube, Web Christel) oder Kampen (Vogelkoje) bewegt sich der Preis meist jenseits der 30-Euro-Marke. Man zahlt hier für das Ambiente, die gestärkte Tischdecke und die Gewissheit, dass der Sitznachbar vielleicht ein Fernsehmoderator ist. Im Wyn. Strandhotel zahlt man für das Buffet am Biike-Abend 39,00 €. - Der Luxus-Kohl (ca. 69 €)
Ja, man kann Grünkohl auch zelebrieren wie einen Hummer. Im Restaurant Strönholt in Hörnum oder im KAI3 (Budersand) werden spezielle „Biike-Menüs“ serviert.
- Kostenpunkt: 69,00 € pro Person.
Dafür gibt es dann meistens noch einen Edel-Schnaps dazu und die Gewissheit, dass der Kohl wahrscheinlich einzeln handgestreichelt wurde.
- Der Heimlichtuer-Kohl (ca. 50 € für zwei)
Für alle, die sich dem Trubel entziehen wollen: Die Sylter Biike Box (z.B. Sylter Manufaktur) liefert das Gold vakuumverpackt ins Ferienhaus. Kein Dresscode, kein Warten, nur reiner Geschmack.
Verfügbarkeit: Die Jagd nach dem Tisch
Hier wird es kritisch. Einen Tisch für den 21. Februar (Biikebrennen) zu bekommen, ist in etwa so einfach, wie im August einen Parkplatz vor der Sansibar zu finden.
- Status Quo: Für den Biike-Abend selbst melden die meisten Top-Adressen (Friesenstube, Strönholt) „Land unter“. Alles voll.
- Die Hoffnung: Im Piratennest in List herrscht oft ein schnellerer Wechsel, hier hat man spontan noch Chancen, wenn man keine Angst vor Warteschlangen hat.
- Der Geheimtipp: Gehen Sie am 22. Februar oder unter der Woche. Da schmeckt der Kohl genauso gut (vielleicht sogar besser, weil er noch mal durchgezogen ist), und die Kellner haben wieder Zeit für ein Lächeln.
Ist es verrückt, fast 30 Euro (oder mehr) für Kohl mit Wurst zu zahlen? Vielleicht. Aber wenn der Wind draußen mit Stärke 9 pfeift, das Feuer heruntergebrannt ist und man in einer warmen Stube sitzt, dann ist dieser Teller dampfendes Grün tatsächlich Gold wert.
Guten Appetit!



