Kampfjet-Einsatz auf Sylt: Stumme Piper landet mit Eurofighter-Eskorte
Am Freitagmittag sagt eine kleine Propellermaschine beim Anflug kein Wort, und prompt kreisen zwei Kampfjets über der Insel. Am Ende gibt es Entwarnung und einen Ohrwurm.
Wer am Freitag gegen Mittag in Tinnum oder Westerland den Kaffee auf der Terrasse trinken wollte, hat ihn vermutlich verschüttet. Über dem Sylter Flughafen und den angrenzenden Wohnstraßen kreisten zwei Kampfjets. In der SYLT1-Redaktion schauten wir aus dem Bürofenster und hatten sofort Nenas „99 Luftballons“ im Kopf. Ein diffuses Gefühl, irgendwo zwischen Neugier und der Frage, ob man jetzt besser den Rechner herunterfährt.
Der Anlass war deutlich kleiner als der Lärm. Ein Leichtflugzeug der amerikanischen Marke Piper war im Landeanflug auf Sylt, und aus dem Cockpit kam nichts. Der Tower funkte, bekam aber keine Antwort. In der Luftfahrt gilt Schweigen leider nicht als Zustimmung, sondern als Alarmstufe.
Also lief das volle Programm. Feuerwehr und Rettungsdienst rückten an, die Polizei ebenfalls. In der Luft nahmen die Abfangjäger die Piper in ihre Obhut und begleiteten sie bis auf die Piste. Denn in diesem Moment konnte niemand ausschließen, dass hinter der Funkstille ein medizinischer Notfall steckte oder etwas deutlich Unangenehmeres.
Dann kam die gute Nachricht: Die Maschine setzte sicher auf. Für einen Angriff gibt es keinerlei Hinweise. Laut Gritje Stöver, Sprecherin des ISTS, wurden weder Menschen verletzt noch Sachen beschädigt. Sylts Gemeindewehrführer Siggi Engel bilanzierte trocken, seine Leute seien rund 20 Minuten vor Ort gewesen und hätten nicht eingreifen müssen. Für eine Inselfeuerwehr ist das eine erfreulich ereignislose Mittagspause.
Abschießen? Nein, so einfach geht das nicht
Am Flughafen machte allerdings eine dramatische Version die Runde. Ein Fachmann vor Ort meinte, ohne Landung wäre der Flieger abgeschossen worden. Das klingt nach Hollywood, ist aber nicht deutsches Recht. Das Bundesverfassungsgericht hat 2006 klargestellt: Ein Zivilflugzeug mit unbeteiligten Menschen an Bord darf der Staat nicht vom Himmel holen. Daran ändert auch eine Funkstörung über Sylt nichts.
Die Eurofighter haben eine andere Aufgabe. Sie fliegen heran, schauen ins Cockpit, nehmen Sichtkontakt auf und zeigen notfalls per Handzeichen und Flügelwackeln, wo es langgeht. Sie sind also eher strenge Fluglotsen mit Nachbrenner als fliegende Henker. Den Einsatzbefehl gibt übrigens auch nicht der Tower in Westerland, sondern die militärische Luftraumüberwachung.
Die Sache mit Mathias Rust
Wer Funkstille im Cockpit hört, denkt in Norddeutschland ohnehin an einen anderen Fall. Am 28. Mai 1987 flog Mathias Rust, ein 18-jähriger Hobbypilot aus Wedel, mit seiner Cessna von Helsinki aus quer durch die damals schärfste Luftverteidigung der Welt. Er landete mitten in Moskau, gleich neben dem Roten Platz. Die Sowjetunion hat ihn damals übrigens auch nicht abgeschossen. Sie hat sich danach aber einige Generäle gespart.
Seit Rust nimmt man stumme Kleinflugzeuge überall etwas ernster, auch über Sylt. Der Unterschied ist nur, dass unsere Piper nicht nach Moskau wollte, sondern nach Westerland. Und dort wartete nicht das Politbüro, sondern die Freiwillige Feuerwehr.
Kaputtes Funkgerät oder falsche Frequenz?
Warum die Piper verstummt war, ist noch offen. Flughafen, Polizei und Feuerwehr äußern sich bislang nicht zur Ursache. Als Verdächtige gelten die üblichen zwei: ein defektes Funkgerät oder eine falsch eingestellte Frequenz. Nach der Landung untersuchten zwei Flughafenmitarbeiter gemeinsam mit einer Pilotin die Maschine.
Zur Beruhigung aller, die den Nena-Ohrwurm noch immer nicht loswerden: Solche Einsätze sind Routine. Ein- bis zweimal im Monat steigt die deutsche Alarmrotte auf, weil ein ziviles Flugzeug nicht auf Funk reagiert. Meistens ist am Ende nicht der dritte Weltkrieg schuld, sondern ein Knopf.
Quelle: shz.de
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