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Als Udo Lindenberg falsch herum fuhr: Erinnerungen an das Sylter Flugplatzrennen

Flugplatzrennen auf Sylt in den 70er Jahren
Lothar Spurzem
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Sylt war immer eine Reise wert. Mitte der Siebziger galt das sogar für Leute, die gar nicht an den Strand wollten, sondern auf eine Landebahn. 1976 und 1977 wurde auf dem Flughafen Westerland nämlich kein Flugzeug abgefertigt, sondern Vollgas gegeben. Tourenwagen, GT, Golf GTI, R5 Cup, Formel V und der VW-Scirocco-Cup verwandelten das Rollfeld für ein Wochenende in die nördlichste Rennstrecke der Republik.

Für uns kleine Steppkes war das eine Riesensache. Allein durften wir natürlich nicht hin, und das war auch gut so. Also nahm uns unser Nachbar Herr Krüger mit, der uns dafür vermutlich bis heute einen Orden schuldet. Die ersten zwanzig Minuten waren überwältigend: dieser Lärm, dieser Geruch, diese Geschwindigkeit. So etwas kannte man auf der Insel sonst nur vom Wind.

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Nach der ersten halben Stunde kam dann eine Erkenntnis, die einem zehnjährigen niemand vorher verrät: Ein Autorennen besteht im Wesentlichen aus sehr lauten Autos, die immer wieder an einem vorbeifahren. Und dann noch einmal. Und noch einmal.

Dass in einem dieser Autos ein gewisser Udo Lindenberg saß, sagte uns damals herzlich wenig. Für uns war er ein Scirocco unter vielen, und zwar der, der ziemlich weit hinten fuhr. Erst später erfuhren wir, dass der Rockstar dort sein erstes und einziges Autorennen fuhr. Er drehte sich in einer schnellen Kurve, verlor offenbar kurz die Orientierung und fuhr erst einmal entgegen der Fahrtrichtung weiter. Erst als ihm das gesamte Feld entgegenkam, entschied er sich für den Rasen. Man kann sagen: Udo hat schon damals sein eigenes Ding gemacht.

Überhaupt hatte die Veranstaltung einen gewissen Charme des Improvisierten. Organisiert wurde sie vom Sylter Automobilclub im ADAC, der sich vorsichtshalber erfahrene Unterstützung aus Diepholz holte. Ein Motorsportjournalist, der beide Rennen vor Ort verfolgte, hat später bei Speedweek aufgeschrieben, wie es zuging. Seine Geschichten klingen heute wie Inselfolklore. Ein einheimischer Pilot nahm im Zeittraining einen Freund als Beifahrer mit, damit der „mal eben die Strecke im Renntempo“ sehen konnte. Ein Dixi-Klo stand ungünstig in der Auslaufzone einer schnellen Kurve und sollte per Kran versetzt werden. Dabei blieb der Unterbau samt Benutzer stehen, zur großen Freude des Publikums. Wie viele Zuschauer kamen, wusste der Pressesprecher des Clubs sehr genau: „Es waren nur wenig viele da.“ Präziser kann man es nicht sagen.

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Die Strecke war anfangs rund sechs Kilometer lang und wurde schon im zweiten Jahr auf 4,2 Kilometer gekürzt. Die Anreise für Fahrer und Teams lief über den Autozug ab Niebüll, inklusive Wartezeiten, die jeden Boxenstopp alt aussehen ließen. Lange ging das nicht gut. Die Kosten für die Sicherheit stiegen, und die Beschwerden über den Lärm wurden lauter als die Motoren. Nach wenigen Jahren war das Kapitel Flugplatzrennen auf Sylt wieder geschlossen.

Darauf kam ich wieder, als die Kampen Classics endeten. Mit Moritz vom Modis in Kampen haben wir darüber philosophiert, wie es wäre, die alten Schätzchen wieder einmal schnell über die Insel fahren zu lassen. Tausende würden kommen, da waren wir uns einig. Ebenso einig waren wir uns, dass es nie passieren wird. Die Auflagen sind heute zu hoch, und der Flughafenbetreiber  setzt längst auf Nachhaltigkeit statt auf Auspuffgeräusche. Das ist vernünftig, auch wenn ein kleiner Teil von uns ein wenig wehmütig nickt.

Was bleibt, sind Erinnerungen. An einen sehr lauten Nachmittag, an einen Rockstar, der sich verfahren hat, an Autos, die heute selbst Oldtimer sind, und an Herrn Krüger, der uns zum Schluss noch ein Eis gekauft hat. Und das Wetter war schön. Das war es auf Sylt natürlich immer, jedenfalls in der Erinnerung.

Quelle für Anekdoten und Fakten zum Rennen: Speedweek, Serie „Vergessene Flugplatzrennen“, Folge 6: „Der wilde Norden – Faßberg, Sylt, Hohn“ (speedweek.com).

  • Bildbeschreibung: Waltraud Odenthal, Ford Capri – Archibild
  • Quelle: Spurzem
  • Fotograf: Lothar Spurzem
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Empfehlungen von Taboola. Diese Inhalte stammen nicht von der Sylt1-Redaktion.